Ersatzneubau Untere Winterthurerstrasse Zürich
Selektives Verfahren
89 Winterthurerstrasse, 8006 Zürich
Publikationsdatum
26.04.2017
Auftraggeber
Baugenossenschaft Oberstrass BGO
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Peter Baumberger (Baumberger & Stegmeier AG Zürich),
- Sibylle Bucher (B.E.R.G. Architekten GmbH Zürich),
- Lorenz Eugster (Landschaftsarchitektur Städtebau, Zürich),
- Sabine Herzog (Architektin Zürich, Vorstand BGO),
- Alex Jaeggi (Vertreter AfS),
- Marc Loeliger (Loeliger Strub Architektur, Zürich),
- Ivana Vukoja (Vukoja Goldinger Architekten, Zürich),
Sachrichter
- Silvia Dähler (Präsidentin BGO),
- Britta Bökenkamp (Vorstand BGO, Steuerungsgruppe Neubau),
- Patrick Ochsner (Vorstand BGO, Kommission Vermietung+Soziales),
- Christoph Steiner (Vorstand BGO, Kommission Kommunikation),
- Ester Weber (Geschäftsführerin BGO),
- Mathias Ninck (Vizepräsident BGO),
Wettbewerbsresultat
Nachdem der Vorstand der Baugenossenschaft Oberstrass bereits vor Jahren eine Strategie erarbeitet hatte für die Weiterentwicklung ihrer Wohnsiedlungen, entschied die Generalversammlung im Jahr 2013 über den Standort für einen Ersatzneubau: Er sollte an der Winterthurerstrasse 89 – 123 zu stehen kommen, der heutigen Siedlung «Untere Winterthurerstrasse». In der Folge liess die BGO für den Standort ein Testprojekt ausarbeiten und lobte im letzten Sommer schliesslich einen Architekturwettbewerb mit Präqualifikation aus. 14 Teams wurden dafür ausgewählt.
Die Jury hat die Projekte an zwei Jurytagen beurteilt und das Projekt «Jim Knopf» der Architekten Stephan Achermann und Daniel Abraha aus Zürich einstimmig zur Weiterbearbeitung empfohlen. Das Atelier Abraha Achermann sieht in seinem Projekt zwei lange, eher schmale Baukörper vor, die der Winterthurerstrasse zwischen Denner und Bruder-Klaus-Kirche einen explizit städtischen Ausdruck verleihen. Das Gebäude wird gekonnt gegliedert, unter anderem mit Erkern, wodurch der Neubau in den oberen Geschossen optisch zurücktritt und sich in die Reihe der fünfgeschossigen Bauten der Riedtlisiedlung einordnet.
Die Lärmbelastung an der Winterthurerstrasse hat die Aufgabe für die Wettbewerbsteilnehmer erschwert – das Siegerteam nutzte die anspruchsvolle Ausgangslage optimal und entwickelte schöne Wohnungsgrundrisse, die einen hohen Wohnwert versprechen und mit einer originellen Küchenanordnung überzeugen. Zudem ist das gesamte Projekt kompakt organisiert und dadurch wirtschaftlich, es bietet auch beste Voraussetzung für einen ökologisch-nachhaltigen Bau.
Der Ersatzneubau wird etwa 120 Wohnungen bieten, davon werden gut die Hälfte 3- bis 3.5-Zimmer-Wohnungen ausmachen. Dies hatte die BGO verlangt, weil sie ein grosses Bedürfnis hat an attraktiven Wechselwohnungen für Mieter, deren Kinder ausgezogen sind und die deshalb von einer Familienwohnung in eine kleinere Wohnung umziehen sollen. Daneben sind in geringerer Zahl auch 2- und 2.5-Zi-Wohnungen vorgesehen sowie grosse Familienwohnungen. Das Dach erhält eine attraktive gemeinschaftliche Terrasse. Entlang der Winterthurerstrasse werden auf Strassenseite im Parterre des weiteren Flächen entstehen für Gewerbe, für eine Kinderkrippe und die Geschäftsstelle der Genossenschaft.
Der Ersatzneubau der BGO soll mit Baubeginn 2020 realisiert werden. Seine Erstellungskosten werden derzeit auf rund 80 Millionen Franken geschätzt.
Siegerprojekt «Jim Knopf» von Atelier Abraha Achermann, Zürich
Die Projektverfasser schlagen zwei strassenbegleitende Baukörper vor und geben ihnen der Volumetrie entsprechend einen explizit städtischen Ausdruck. Gekonnt wird das Gebäude dabei mit architektonischen Mitteln, die auf vielfältige Referenzen verweisen, gegliedert. Zur Winterthurerstrasse hin werden den Baukörpern vertikale Erker vorgelagert. Die Erker lassen die beiden oberen Geschosse optisch zurücktreten, wodurch die Trauflinie auf Höhe des fünften Geschosses gelesen wird und einen Bezug zu den umliegenden Gebäudehöhen herstellt. Die volumetrische Ausbildung einer Kopfsituation zur Tramhaltestelle und der gegenüberliegenden Kirche ist gut verständlich. Die Höhe des Baukörpers im Strassenraum der Winterthurerstrasse und im Einfluss auf die südlich gelegenen Reihenhäuser ist aus Sicht der Jury zu überarbeiten.
Die Hofseite des Gebäudes wird horizontal gegliedert in einen Sockel-, Haupt und Dachteil. Durch diese Massnahme als ruhige Gestaltung in der Vertikalen kann ein Bezug zu den umliegenden Bauten hergestellt werden. Die Verfasser orientieren sich mit der Gebäudetiefe an den Gebäuden des Quartiers. Auch die Geste das Gebäudevolumen an den Eingängen in den Hofbereich abzuknicken und eine Torsituation zu formulieren, wird aus den Nachbarbauten abgeleitet. Die Höhe der in den Hof tretenden Risalite ist möglicherweise zurückzustufen.
Die Freiraumgestaltung übernimmt viele Elemente der heutigen Situation. So werden Vorgartenzonen mit Sockelmauer und Kiesf ächen mit eingestreuten Pflanzungen und Ausstattungen an der Winterthurerstrasse vorgeschlagen. Am Kopf der Überbauung verbinden sich die Kiesflächen mit dem kleinen Platz und bilden den Aussenraum für das im Erdgeschoss vorgesehene Café. Die strassenseitige Gestaltung ist durchaus leistungsfähig und erfrischend.
Um die Präsenz der Gewerbeflächen an der Winterthurerstrasse zu stärken, könnte allerdings alternativ auch ein Trottoir bis an das Gebäude geprüft werden. Auf der Gartenseite entspricht das schlängelnden Stampfbetonband entlang der Fassade der heutigen Gestaltung mit Kiesflächen. Mit der Anordnung von Hauszugängen und Wohnungen mit privaten Aussenräumen im Gartengeschoss ist eine solche hierarchielose Fläche ohne Abgrenzungen allerdings nicht mehr tragfähig. Ergänzend zu den Freiräumen am Boden wird ein langer Einschnitt im ersten Gebäudeteil als grosszüge, sehr gut nutzbare gemeinschaftliche Dachterrasse mit angrenzendem Gemeinschaftsraum ausgebildet.
Die Verfasser schaffen es, für die vorgegeben Nutzungen sehr schöne Situationen auszubilden. Entlang der Winterthurerstrasse sind im Erdgeschoss öffentliche Gewerbenutzungen, die Geschäftstelle der BGO und eine Kinderkrippe vorgesehen. Die Organisation der Gewerbeflächen wird von den Experten als besonders günstig beurteilt. Durchgangsorte und Kopfsituationen werden für besondere Nutzungen wie das Café mit Aussensitzplätzen oder gemeinschaftliche Nutzungen wie Werkstätten, Gemeinschaftsraum und Gästezimmer mit Bezug zum Garten genutzt.
Zu den Treppenhäusern gibt es neben den adressbildenden Eingängen an der Winterthurerstrasse grosszügige Hauszugänge an der Gartenseite. Diese werden von Waschsalon und Veloraum flankiert und fördern so ideal die Begegnung im Alltag. Zudem haben alle Treppenhäuser auch einen einfachen Dachzinnenzugang als ergänzendes Freiraumangebot.
Die Lärmbelastung der Winterthurerstrasse stellt eine anspruchsvolle Ausgangslage für eine Wohnnutzung dar, doch die entwickelten Wohnungen nutzen geschickt die Randbedingungen und die jeweilig Lage im Gebäude.
Auf der Hofseite werden Maisonettewohnungen vorgeschlagen, die vom Garten her erschlossen werden und über ein, von Einblicken geschützteres oberes Geschoss verfügen. Sie eignen sich besonders für Familien und helfen die angrenzenden Freiräume zu beleben. In den Obergeschossen entwickeln die Verfasser Wohngrundrisse mit einem durchgesteckten Wohn-Essraum. Sie sind sowohl in der gesamten Grundrissstruktur wie auch vom Nutzwert her gut verständlich und versprechen einen hohen Wohnwert. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die schöne Überecksetzung der Küche zum Strassenraum und der Rundgang über das grosse Zimmer. Durch einen Decken- bzw. Bodenversprung entsteht im ersten und dritten Obergeschoss jeweils ein überhoher Essbereich mit Bezug zum Strassenraum.
Aus Sicht der Experten ist das Projekt bei kompakter Form effizient organisiert und verspricht darum eine gute Wirtschaftlichkeit. Es bietet gute Voraussetzungen für ein energetisch und ökologisch nachhaltiges Projekt. Auch der Lärmschutz ist bis auf einige Details in den Kopfbereichen gut umgesetzt.
Insgesamt besticht das Projekt durch eine sehr gute Organisation, vielfältige und schöne Grundrisse und einen angemessen städtisch geprägten Ausdruck. Städtebaulich versteht es sich über Gliederung der Gebäude und Aufnahme quartiertypischer Elemente überzeugend in die bestehende Situation einzupassen. Lediglich die Höhenentwicklung ist zugunsten einer besseren massstäblichen Einordnung zu überarbeiten.
Text: Auszug aus dem Jurybericht