Wettbewerb Departement Biomedizin der Universität Basel
Selektives Verfahren
41 Klingelbergstrasse, 4056 Basel
Publikationsdatum
01.12.2015
Auftraggeber
Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt, Städtebau & Architektur, Hochbauamt
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Thomas Jung (Kantonsarchitekt BL (Vorsitz)),
- Thomas Blanckarts (Leiter Hochbauamt BS),
- Roger Boltshauser (Architekt),
- Anna Jessen (Architektin),
- Annette Gigon (Architektin),
- Astrid Staufer (Architektin),
Sachrichter
- Christoph Tschumi (Verwaltungsdirektor Uni BS),
- Markus Kreienbühl (Leiter Strat. Immobilienplanung Uni BS),
- Joakim Rüegger (Leiter Hochschulen ED BS),
- Prof. Dr. Radek Skoda (Leiter Dept. Biomedizin Uni BS),
- Prof. Dr. Daniela Finke (Forschungsgruppenleiterin Uni-Klinik beider Basel),
Wettbewerbsresultat
Das Areal «Schällemätteli» hat eine bewegte Vergangenheit. Einst stand dort der Bahnhof der französischen Bahnlinie und später die Strafanstalt «Schällemätteli», die bis 2004 als Untersuchungsgefängnis in Betrieb war. Heute befinden sich an diesem Ort das Pharmazentrum und das Universitäts-Kinderspital beider Basel UKBB. Im Bau ist das neue Biozentrum von Ilg Santer Architekten und in Planung ein neues Gebäude für das Department of Biosystems Science and Engineering (D-BSSE) der ETH Zürich von Nickl & Partner Architekten. Anstelle des in die Jahre gekommenen Biozentrums von Martin H. Burckhardt soll nun ein Neubau für das Departement Biomedizin (DBM) der Universität Basel entstehen und mit den übrigen Forschungsgebäuden eine betriebliche Einheit bilden.
Die fünf bisherigen Standorte der experimentellen Laboratorien der Medizinischen Fakultät werden an einem Ort zusammengeführt. Im neuen Labor- und Forschungsgebäude werden rund 70 Gruppen mit insgesamt 700 Mitarbeitenden Platz finden. Ihre Kernaufgabe ist die experimentelle Forschung an der Schnittstelle zwischen Biologie und Medizin. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten sowohl mit Zellkulturen und Modellorganismen als auch mit Patientenproben und menschlichen Krankheitserregern. Ziel der Untersuchungen am DBM ist es, Erkenntnisse zu einzelnen biologischen Prozessen oder zu einer Krankheit zu gewinnen. Die Methoden für biomedizinische Experimente benötigen Labore für Standardbiologie und Zellkultur, Nebenräume für Spezialgeräte sowie hochtechnologische und gemeinsam genutzte Core Facilities zur Durchführung verschiedener Analysen.
Die Nutzungen des Neubaus lassen sich in folgende funktionale Raumgruppen einteilen: Forschung, Core Facilities und Speziallabore, zentrale Tierhaltung, Lehre, Dienstleistungen und Infrastruktur. Das wichtigste Element des Raumprogramms sind die Labore, die eine hohe Flexibilität aufweisen müssen. Entscheidend dafür waren die Anordnung der Installationsschächte sowie die Anzahl und die Lage der Treppenhäuser. Daneben war es für!die Teilnehmenden ebenso eine Herausforderung, einen architektonischen Ausdruck für diese Bauaufgabe zu finden. Wie spiegelt sich wissenschaftliche Forschung in der Fassade, wie gelangt möglichst viel Tageslicht in die tiefen Labore, und wie wird die Intimität der Arbeitsplätze gewährleistet?
Mit einer Prise Leichtigkeit
Der Neubau schliesst unmittelbar an das Pharmazentrum von Andrea Roost mit einer Rasterfassade aus Betonelementen und umlaufenden Fluchtbalkonen an. Viele Projekte nahmen explizit Bezug auf diese Nachbarschaft, andere wiederum setzten sich demonstrativ davon ab.
Mit einem eigenwilligen Beitrag entschieden Caruso St John Architects den Wettbewerb für sich. Der neue Baukörper setzt sich mit einer Fuge vom Pharmazentrum ab und öffnet sich an der Stirnfassade mit einer Auskerbung des Baukörpers zu den künftigen Entwicklungsgebieten der Universität. Von diesem einladenden Hauptzugang gelangt man in ein System von röhrenförmigen Hallen, die das Erdgeschoss in Längs- und Querrichtung durchziehen und prägnante Eingänge auf jeder Seite bilden.
Die Fassade ist mit einer zweiten Haut aus quadratischen Klargläsern mit offenen Fugen bekleidet. Damit wird die Geschossigkeit verwischt und ein abstraktes Bild für das neue Forschungszentrum vorgeschlagen. Die innere Fassadenschicht ist pragmatisch ausgebildet. Sie besteht aus gedämmten Brüstungen bis auf Arbeitshöhe und tageslichtreguliertem Sonnenschutz im Zwischenraum. Die Fenster mit pigmentierten Gläsern sollen je nach Sonnenstand ein leicht gefärbtes Licht zurückwerfen.
Die innere Organisation mit vier Treppenhäusern in optimaler Fluchtwegdistanz bietet eine grosse Flexibilität. Alle Forschungsebenen sind zusätzlich über zwei Treppenanlagen in grosszügigen Glaszylindern verbunden. Das Haustechnikkonzept ist klar strukturiert, einzig die knapp dimensionierten Steigzonen werden bemängelt. Die Nutzungsflexibilität wird erhöht, indem die hoch installierten Core Facilities direkt bei der Technikzentrale im Dach angeordnet sind.
Das Projekt ist streng rational entwickelt und gleichzeitig mit einer Prise spielerischer Leichtigkeit versehen. Was auf den ersten Blick eigenwillig und leicht skurril wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Ergebnis vertiefter Aus einandersetzung mit der gestellten Aufgabe. Ein adäquates Wegsystem verbindet das Gebäude mit seinen Nachbarn auf dem Life-Science - Campus und nimmt gleichzeitig die zukünftige bauliche Entwicklung der Universität vorweg. Die Labore sind auf maximale Flexibilität getrimmt, ohne dass die Grosszügigkeit der Verkehrs- und Kommunikationszonen darunter leidet.
Auf dem zweiten Rang schliessen Morger + Dettli Architekten mit einem schwebenden Gebäude an das Pharmazentrum an und führen den bestehenden Sockel auf der Seite des Campus weiter. Der Bestand wird dadurch schlüssig eingebunden und die hohe räumliche Dichte auf dem Areal mit einem schlanken Baukörper wohltuend gemildert. Die beiden diagonal gegenüberliegenden Hauptzugänge sind zurückhaltend geformt und münden in eine doppelgeschossige Halle.
Die vollverglaste Vorhangfassade mit halbtransparenten Gläsern besteht aus Doppel verglasungen mit einem hermetisch abgedichteten Zwischenraum, in dem der Sonnenschutz untergebracht ist (Closed- Cavity-Fenster). Je nach Lichtverhältnissen wird der opake Körper durchlässig und erlaubt einen Blick ins Innere des Gebäudes. Kräftige vertikale Einschnitte gliedern die Fassade in elf stehende Felder, sodass auch hier ein abstrakter Ausdruck entsteht.
Die Grundrissstruktur ist mit einem ökonomischen Stützenraster und Elementbauweise sehr flexibel ausgelegt. Dies wird durch vier Treppenhäuser in optimaler Fluchtwegdistanz unterstützt. Eingeschränkt wird die Flexibilität durch den schlanken Baukörper, da im Regelgrundriss zwischen den Laboren nur eine Schicht mit Nebenräumen Platz findet. Der teuren Fassade wegen liegen die Kosten bei unterdurchschnittlichem Volumen und knappen Geschossflächen im Mittelfeld. Insgesamt überzeugt der Entwurf durch eine konsequente Haltung mit!einem städtebaulich schlüssigen Konzept und einer effizienten Ge bäudestruktur. Der Reiz der «ab strakt-kubischen, monumentalen Formensprache» konnte die Jury aber nicht überzeugen.
Die ersten beiden Preise nehmen trotz vielen Gemeinsamkeiten unterschiedliche Positionen im architektonischen Ausdruck ein. Beide Projekte setzen auf einfache Lesbarkeit und hohe Abstraktion, beide beherrschen das Meccano effizienter Gebäudestrukturen mit hoher Flexibilität. Die Unterschiede liegen – so scheint es – hauptsächlich im Stil. Dem puritanischen, schnörkellosen Formenkanon von Morger + Dettli Architekten steht die rationale Entwurfshaltung mit spielerischem Touch von Caruso St John Architects gegenüber.
Text: Jean-Pierre Wymann, Architekt ETH SIA BSA, Mitglied der Wettbewerbskommission des SIA