Vier Doppelkindergärten in Pratteln
Selektives Verfahren
2 Hauptstrasse, 4133 Pratteln
Publikationsdatum
31.10.2016
Auftraggeber
Einwohnergemeinde Pratteln, Abteilung Bau
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Raoul Rosemund (dipl. Arch. ETH BSA, Vorsitz),
- David Foggetta (dipl. Arch. ETH),
- Dieter Härdi (Leiter der Abteilung Bau, Verkehr und Umwelt Gemeinde Pratteln),
- Thomas Keller (dipl. Arch. ETH),
Sachrichter
- Monika Blank (Vertreterin Lehrpersonen),
- Elisabeth Schiltknecht (Gemeinderätin),
- Kathrin Schwerzmann (Vertreterin Schulleitung),
- Charlotte Reichert (Sachbearbeiterin Abteilung Bau),
Wettbewerbsresultat
Die Einwohnergemeinde Pratteln, vertreten durch den Gemeinderat, hat in Anlehnung an SIA Ordnung 142, Art. 4, subsidiär zu den gesetzlichen Vorgaben, einen Gesamtleistungswettbewerb zur Erstellung von vier Doppelkindergärten ausgeschrieben. In einem vorausgegangenen Präqualifikationsverfahren sind fünf Teams von Architekt und Generalunternehmer zur Teilnahme am Wettbewerb ausgewählt worden.
Wettbewerbsaufgabe
Die Zahl der neu einzuschulenden Kinder steigt an und gleichzeitig sind zwei als Provisorien erstellte Kindergartengebäude aus den 1970er Jahren in so schlechtem Zustand, dass sie ersetzt werden müssen.
Der Gemeinderat hat eine Strategie zu den Kindergarten-Standorten entwickelt. Diese sieht nun vor, an vier Standorten je einen Doppel-Kindergarten neu zu erstellen:
Dass gerade vier Gebäude mit identischem Raumprogramm bei vergleichbaren planerischen Voraussetzungen erstellt werden sollen, wird als Chance erkannt. Es schafft die Möglichkeit, einen Doppelkindergarten-Typus zu entwickeln, der mit wenigen Anpassungen an allen vier Standorten angewandt werden kann. Dadurch erhofft man sich architektonisch hochwertige Bauwerke zu günstigen Erstellungs- und Bewirtschaftungskosten.
Mit folgenden Vorgaben werden zudem Voraussetzungen geschaffen, interessante Lösungen zu entwickeln:
- Erstellung der vier Kindergartengebäude auf Basis eines Gesamtleistungswettbewerbs
- Erstellung in Holzelementbauweise (ökologische und terminliche Gründe)
- Minergie-Standard
- Verzicht auf Erstellung von Untergeschossen
- Zweigeschossige Bauweise (Minimierung Baulandverbrauch, Schaffung grosszügiger Freiflächen)
Empfehlungen
Die Jury kommt einstimmig zum Schluss, dass das Projekt «Harlekin» die gestellte Aufgabe am besten zu erfüllen vermag; sie schlägt es daher zur Ausführung vor.
Sie empfiehlt zu Beginn des Realisierungsprozesses eine Überarbeitung des Projektes in folgenden Belangen vornehmen zu lassen:
- Die zweistöckige Aussenraumschicht im Eingangsbereich ist in funktioneller Hinsicht ein wertvoller Teil des Projektes, gestalterisch aber unverständlich. Dieser Bereich muss gestalterisch überarbeitet werden (kostenneutral), so dass die Stringenz des Projektes auch dieses Element umfasst.
- Überarbeitung der übrigen im Beschrieb aufgeführten Punkte.
Wettbewerbsbeiträge
Harlekin (1. Rang, Hürzeler Holzbau)
Die Verfasser schlagen für alle Standorte einen schmalen kompakten Gebäudekubus mit flach geneigtem Firstdach und vorgelagerter, als Aussenraumschicht bezeichnete Struktur vor. Dieser Kubus wird zur Anpassung an die einzelnen Situationen lediglich gedreht. Aussengeräteraum und Veloraum befinden sich in einem freistehenden Pavillon, der im Zuge der Umgebungsgestaltung an einem jeweils passenden Ort situiert wird. Die sorgfältige Einpassung der Volumen in die bestehenden Bebauungen ergibt an allen Standorten städtebaulich gute Lösungen.
Die Gebäude sind klar als Kindergartengebäude erkennbar. Die Längsfassaden sind auf einer Seite als stark befensterte «Gartenseite» gestaltet und auf der anderen als lediglich mit Oberlichtbändern bestückte Rückseite.
Nicht zu überzeugen vermag der architektonische Ausdruck der vorgestellten Aussenraumschicht und der Fassadendetaillierung, wie sie insbesondere in der Visualisierung in Erscheinung tritt: Man weiss nicht, ist eine Andeutung von Südstaaten-Architektur gewollt oder wird ein 50-er Jahre-Retro-Look angestrebt. Es ist schade, dass das sonst logisch und stringent aufgebaute Projekt mit diesem «Schönheitsfehler» behaftet ist.
Im Innern gelingt den Verfassern eine ausgezeichnete Raumgliederung. Trotz sehr kontrolliertem Mitteleinsatz werden schöne und erstaunlich grosszügige Räume und Raumbezüge erzeugt. Dank dem Rundlaufprinzip mit folgerichtiger Anordnung der wichtigen Räume ergeben sich zweckmässige Betriebsabläufe; der Lehrperson-Arbeitsplatz ist optimal situiert.
Die Aussenraumschicht am Eingang des Gebäudes bietet sowohl dem Kindergarten im Erdgeschoss als auch jenem im Obergeschoss einen je 40 m² grossen gedeckten Aussenspielbereich. Aus Nutzersicht sind das sehr willkommene und vielseitig brauchbare Flächen, insbesondere bei regnerischem Wetter.
An allen Standorten werden gut nutzbare und kindergartengerechte Aussenräume angeboten. Deren Gestaltung ist allerdings nur schematisch dargestellt. Beim Standort «Münchacker» ist zu überprüfen, ob der 1,5 m breite Grünstreifen an der Gebäude-Nordwand nicht eher weggelassen werden sollte, da er kaum einen Nutzen ergibt und wegen der hoch liegenden Fenstern kein Einsichtsproblem besteht.
Die konstruktive Durchbildung der Bauten ist einfach und zweckmässig. Vorteilhaft wird sich sowohl bei der Erstellung als auch der Wartung die raffiniert einfache Zusammenfassung aller Installationen in der Kernzone auswirken. Die geforderte Dusche im Lehrer-WC wird nicht ausgewiesen; die Platzverhältnisse lassen sie aber problemlos zu.
Einen eigenen Weg gehen die Projektverfasser bei ihrem Vorschlag für die Wärmeerzeugung des Kindergartens «Zweien», wo kein Fernwärmeanschluss zur Verfügung steht: Es wird empfohlen, die Heizwärme mit einer kleinen Gastherme zu erzeugen und als Kompensation (Minergie-Standard!) eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach zu installieren.
Es ist ein unterhaltsarmer und wirtschaftlicher Betrieb zu erwarten.
Dem Projekt gelingt es, mit sehr diszipliniertem Mitteleinsatz schlichte und kindergerechte Bauten zu erstellen, die dank hoher Nutzerqualität einen zeitgemässen Kindergartenbetrieb ermöglichen. In Kombination mit den günstigen Erstellungskosten (es ist das zweitgünstigste der eingereichten Projekte) löst der Beitrag die Wettbewerbsaufgabe auf bemerkenswerte Weise.
Porte ouverte (2. Rang, Husner AG Holzbau)
Ein schlichter, langgestreckter und holzverkleideter Kubus mit flach geneigtem Firstdach bildet den Gebäudegrundtypus dieses Wettbewerbsbeitrages. Dieser Grundtypus kann zur Anpassung an die Standorte gedreht werden; in einem Fall wird er gespiegelt. Der Geräte/Velo-Unterstand ist eigenständig und wird jeweils in die Umgebungsgestaltung integriert. Beim Standort «Jugendhauswiese» überragt dieser Schopf die Baulinie; andere, gesetzeskonforme Standorte sind aber möglich...
Ein sorgfältiger und konsequenter Beitrag, dem möglicherweise sein Bestreben nach grösstmöglicher Reduktion zum Verhängnis wird, indem an etlichen Punkten interessante Konzepte durch zu radikale Reduktion konterkariert werden. Die funktionellen Nachteile sind erheblich und werden durch den Preisvorteil des günstigsten Wettbewerbsbeitrags nicht aufgewogen.
Jenga (3. Rang, Schaerholzbau)
Ein flacher hölzerner Quader bildet den Gebäudegrundtypus, der zur Anpassung an die verschiedenen Standorte lediglich gedreht werden muss. Aus diesem Quader werden einzelne Volumen herausgeschnitten; sie bilden die gedeckten Aussenbereiche der Kindergärten. Das architektonische Erscheinungsbild ist stringent und klar. Das zweigeschossige Gebäudevolumen wird neutral gestaltet; es ist als öffentlicher Bau erkennbar, hingegen nicht als Kindergarten. Die Fassade des zweigeschossigen Baues wird mit einer dreiteiligen Fassadengestaltung gegliedert; die Logik dieser Gliederung vermag nicht ganz zu überzeugen. Die städtebauliche Eingliederung des Bauköpers gelingt an allen vier Standorten...
Das Projekt Jenga ist ein sorgfältig ausbearbeitetes Projekt, und der Entwurf ergibt ein interessantes Bauwerk mit schönen Räumen. Aber Charakter und architektonischer Ausdruck entsprechen zu wenig der Kindergarten-Nutzung. Es enthält zudem funktionelle Schwächen. Kostenmässig liegt das Projekt im Mittelfeld.
HASHTAG (PM Mangold Holzbau)
Der an allen Standorten eingesetzte Gebäudegrundtypus besteht aus einem flach gedeckten, fast quadratischen Körper, der an allen vier Ecken eingeschnitten und verglast ist. Dem recht kompakten Baukörper ist beim Eingangsbereich ein auskragendes, geschosshohes Element als Vordach angehängt. Durch eine auffällige, Hashtagförmige Struktur wird das voluminöse Vordach in den Gesamtbau eingebunden. Diese Struktur, ein klassisches Klettergerüst für Pflanzen, wird als zweite Fassadenschicht über alle geschlossenen Wände gezogen; sie wirkt allerdings dominant. Leider bewirken das dominante Gerüst und die Ausstülpung des Vordachs, dass das zugrundliegende Konzept nur noch schwach ablesbar ist. Dieses Konzept könnte so beschrieben werden: Um einen Kern mit Technik und Nebenräumen gliedern sich die Nutzungen im Uhrzeigersinn und erzeugen eine «promenade architecturale». Das funktionelle Konzept verbindet sich mit einem interessanten und theoretisch nachvollziehbaren architektonischen Konzept, das aber leider von aussen kaum mehr wahrnehmbar ist...
Das Projekt zeigt architektonisch und in der Innengestaltung sehr interessante Ansätze, die aber durch zusätzliche Elemente (Vordach, Hashtag-Raster) zum Teil neutralisiert werden. Diese zusätzlichen Elemente schlagen sich auch im Preis nieder, der mit 50% einen starken Einfluss auf das Gesamtergebnis hat. Es werden die zweithöchsten Kosten aller eingereichten Projekte ausgewiesen. Möglicherweise hätte eine konsequente Beachtung der Wirtschaftlichkeit den architektonisch guten Ansatz zusätzlich gestärkt.
XYLO (Stamm Bau)
Die VerfasserInnen schlagen für die vier Doppelkindergärten einen verschachtelten, länglichen Baukörper vor. Auf zwei Geschossen reihen sich die einzelnen Nutzeinheiten wie Spielklötze um die durchgehende Erschliessungs- und Aufenthaltszonen. Der Baukörper erscheint durch die konsequente Kleingliedrigkeit, die Vor- und Rücksprünge sowie den offenen Auskragungen nie massig oder unmassstäblich. Das Gebäude ist nicht sofort als Kindergarten erkennbar. Ohne Rutschbahn könnte es auch als Wohnbau gelesen werden...
Bei XYLO handelt es sich um einen sorgfältig erarbeiteten, originellen und im guten Sinne verspielten Beitrag, welcher die Bedürfnisse eines Kindergartens gut aufnimmt. Bemerkenswert sind insbesondere das flexible Gebäude- und Aussenraumkonzept, die ideenreiche Umsetzung des Raumprogramms und die eigenständige Ausdrucksweise. Es ist nicht überraschend, dass dieses Projekt als teuerster Beitrag hohe Erstellungskosten aufweist und bei der vorgegebenen Gewichtung für die Realisierung kaum in Frage kommt.
Bei aller Sympathie für den Ideenreichtum und die Planungsfreude muss die Frage gestellt werden, ob der Beitrag der Aufgabenstellung letztlich gerecht wird, Bauwerke mit Qualität und guter Wirtschaftlichkeit zu planen.
Text: Auszug aus dem Jurybericht