Überbauung Binz-Wohnen, Zürich
Offenes Verfahren
Binz-Areal, 8045 Zürich
Publikationsdatum
28.12.2015
Auftraggeber
Stiftung Abendrot, Die nachhaltige Pensionskasse
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Peter Ess (Zürich),
- Lisa Ehrensperger (Zürich),
- Rosmarie Müller-Hotz (Zürich),
- Adrian Streich (Zürich),
- Christoph Hänseler (Zürich),
- Werner Waldhauser (Basel),
- Werner Hartmann (Basel),
- Christian Geser (Basel),
Wettbewerbsresultat
Just in dem Moment, als die Gewinner des Studienauftrags bekannt gegeben wurden, fielen die letzten Mauern auf dem Binz-Areal. Damit fand auch eine Besetzung ihr Ende, die 2006 begonnen hatte, als das Areal nach diversen Zwischennutzungen wieder leer stand. Für drei Jahre war das Verhältnis mit der ungebetenen Mieterschaft durch einen Gebrauchsleihevertrag geregelt. Dieser lief im Juni 2009 aus.
Die Besetzer, die sich «Familie Schoch» nannten, blieben aber bis 2013, da wegen bestehenden Altlasten lang nicht klar war, wie das Grundstück in Zukunft genutzt werden konnte. Ein unrühmliches Finale erreichte die Besetzung, als im März 2013 nach einer Party auf dem Binz-Areal ein Saubannerzug Richtung Bahnhof Wiedikon und Langstrasse aufbrach und eine Schneise der Zerstörung hinterliess. Nun sind die Besetzer von dannen gezogen, und die Abrissbagger haben die Hallen Stück um Stück seziert und sauber in separate Mulden getrennt.
Investorenwettbewerb
In Zukunft werden sich das Areal Angestellte des Unispitals mit Studierenden der verschiedenen Hochschulen und Universitäten teilen. Der Kanton hatte 2009 die Verantwortung für das ehemalige Industrieareal an der Üetlibergstrasse 111 von der Stadt übernommen, die das Grundstück ihrerseits 1983 erworben hatte.
2011 führte das Immobilienamt des Kantons einen Investorenwettbewerb auf Einladung durch. Die 180 Wohneinheiten für die Mitarbeitenden des Universitätsspitals waren gesetzt. Im Verfahren wollte das Amt zusätzliche Nutzungen finden, die sich mit den Personalwohnungen vertragen und zum Ort passen.
Gewonnen hatte ein gemeinsames Projekt der Pensionskasse Abendrot mit der Tescon AG, die bereits die Zwischennutzung des Hotel Atlantis betreut hatte. Sie schlugen vor, auf dem Areal auch noch 180 günstige Wohnungen für Studierenden zu erstellen. Nach dem gewonnenen Wettbewerb gab die Tescon das Projekt an die Pensionskasse ab. Diese führt das Projekt nun in Eigenregie weiter und hat sechs Büros zu einem Wettbewerb eingeladen.
Überbauung mit Mehrwert
Als Verfahren wurde ein nicht anonymer Studienauftrag mit Zwischenbesprechung gewählt. Für diese Aufgabe sicher das richtige Vorgehen, da die Konzepte gleich im Verfahren angepasst werden konnten. Das siegreiche Projekt von Gmür & Geschwentner aus Zürich überzeugte die Jury insbesondere in seiner Haltung zum Quartier.
Die städtebauliche Haltung ist robust genug für die industriell geprägte Umgebung. Zwei Baukörper besetzen das Areal: ein dreigeschossiger Winkelbau, dessen kurzer Schenkel mit einem zusätzlichen Geschoss einen Kopfbau bildet, sowie ein achtgeschossiges Volumen, das nach Südwesten ausgerichtet den Rücken des Areals bildet. Dazwischen spannt sich ein Innenhof auf, der als öffentlich genutzter Raum eine wichtige Forderung der Investoren erfüllt: Das Projekt muss Mehrwert für seine Umgebung bieten.
Mit einem kleinen Hotel im Kopfbau, Ateliers und Proberäumen legt das Projekt den Grundstein für eine lebhafte Mischung und Nutzung durch die Bewohner im Quartier. Ein Gemeinschaftsraum steht für Veranstaltungen bereit. Die Grundrisse der Wohnungen boten keinen grossen Spielraum für Experimente – auf rund 25 m2 mussten ein Zimmer, ein Bad und die Küche Platz finden: für die Mitarbeitenden des Spitals möbliert, für die Studiernden mit tieferem Ausbaustandard.
Kosten trimmen
Am Ende des Verfahrens stand der Favorit fest, wurde aber vor der endgültigen Entscheidung in eine Überarbeitung geschickt. Denn eines hatten alle sechs Projekte gemeinsam: Die Vorgaben bezüglich Kosten konnte keines erfüllen. Im Fall des Projekts von Gmür & Geschwentner waren die Kos-tentreiber schnell eruiert. Der überdachte Innenhof galt als Innenraum, und die an ihn anschliessenden Fassaden mussten somit als Abschlüsse von Brandabschnitten ausgebildet werden.
Das zweite Element, das die Kosten in die Höhe trieb, war die Treppe des höheren Hauses, die trotz grossem Vo-lumen nur wenig zusätzlichen Nutzen einbrachte. Die Planer überarbeiteten beide Punkte, lösten die ihnen gestellte Aufgabe aber unterschiedlich gut. Das neue Treppenhaus ist eine geniale Erfindung der Architekten – sie entwickelt sich diagonal im Schnitt und springt in jedem Geschoss um eine Achse weiter. Daraus entsteht eine Erschlies-sung, die sich als Kaskade durch das ganze Gebäude zieht.
Der Blick reicht den Versätzen entlang vom Erdgeschoss bis unters Dach. Der neue Aussenraum hingegen hat durch die Überarbeitung viel von einem gemeinschaftsbildenden Charakter verloren (Abb. 06–07). Kostendruck und Vorschriften haben dem Innenhof das Dach genommen. Im regnerischen Zürich hätte ein überdachter Begegnungshof ein verlockendes Angebot dargestellt.
Abgeschottet oder zu teuer
Beim Rundgang durch die Ausstellung nannte Juryvorstand Peter Ess die Achillesferse der anderen Projekte. Buol & Zünd stellen, ähnlich wie bei ihrem Umbau des Musikerhauses in Basel, die alte Industriehalle in den Mittelpunkt des Entwurfs. Der Neubau wächst um die Relikte der industriellen Struktur herum und entwickelt eine grosse Anziehungskraft: Die alte Halle vereint den Charme des besetzten Areals mit einem postindus-triellen Lebensgefühl. Doch auch sie wurde ein Opfer des Brandschutzes. Da das Konzept ohne die ursprüngliche Halle seine Raison d’être verloren hätte, konnte auch eine Überarbeitung nichts mehr richten.
Gut im Rennen war laut Ess auch das Projekt von agps, das die Parzelle städtebaulich hervorragend strukturiert. Offenbar haben die Planer ihr Projekt aber nach der Zwischenbesprechung zu sehr auf Hochglanz getrimmt. Der Jurybericht tadelt: «Die Bildsprache erinnert eher an edle Hotelbauten und entspricht der Aufgabe, günstigen Wohnraum im ehemals gewerblich-industriellen Umfeld anzubieten, in keiner Weise.»
Pool Architekten haben ebenfalls eine überzeugende Grossform gefunden – und enorm an den Grundrissen gearbeitet. Der tiefe Riegel bestimmt die Eigenschaften des Gebäudes. Mit Innenhöfen bringen die Architekten Licht in die Mitte des Hauses und organisieren die grösseren Wohnungen in einer Typologie, die an die Wohnsiedlung am Schürliweg in Affoltern von Ueli Zbinden erinnert. Als WG genutzt, ist der Zugang zur Fassade aber zu sehr eingeschränkt. Zudem zeigt sich das Gebäude zugeknöpft: Der gemeinsame Aussenraum liegt auf dem Dach des tieferen Riegels, das Erdgeschoss erscheint geschlossen und abweisend.
Text: Marko Sauer, Architekt