Studienauftrag Gesamtsanierung Schulanlage Schollenholz, Frauenfeld
Selektives Verfahren
10 Fliederstrasse, 8500 Frauenfeld
Publikationsdatum
25.06.2015
Auftraggeber
Primarschulgemeinde Frauenfeld
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Markus Friedli (Architekt ETH BSA SIA, Frauenfeld),
- Marc Ryf (Architekt BSA / SIA, Zürich),
- Thomas Schneider (Architekt ETH BSA SIA, Aarau),
- Alvin Fischer (Alvin Fischer, Architekt HTL STV, Horn),
Sachrichter
- Peter Hochuli (Baukommissionspräsident, Vorsitz),
- Andreas Wirth (Präsident PSG Frauenfeld),
Wettbewerbsresultat
Innert kurzer Zeit ist dies bereits der dritte Wettbewerb für eine Schulanlage in und um Frauenfeld. In allen drei Fällen bestand die Aufgabe darin, ein charakterstarkes Schulhaus zu erweitern: in Islikon eine Primarschule im Heimatstil, das Schulhaus Auen von 1967/68 in Frauenfeld als Vertreter der Solothurner Schule und nun, ebenfalls in der Kantonshauptstadt, die Schulanlage Schollenholz von 1970/73, einen typischen Vertreter seiner Zeit mit einem Konglomerat aus zerklüfteten Volumen und einer Organisation in Split-Levels. Während das erste Beispiel im Inventar der Denkmalpflege aufgeführt ist, geniessen die beiden Schulhäuser nach 1960 noch keinen Schutz, denn der Kanton Thurgau hat seine Bauten lediglich bis zum Jahr 1959 inventarisiert: Was danach kommt, schafft es höchstens in ein Hinweisinventar mit dem Vermerk «bemerkenswert nach 1959».
Beim Schulhaus Auen war der historische Wert unbestritten. Bei der Anlage Schollenholz hingegen sprachen sich die Schulbehörden für einen Ersatzneubau aus – zu gross schienen aufgrund einer Vorstudie die Investitionen für Erdbebenschutz, Brandschutz und die Anpassungen an veränderte pädagogische Konzepte. Die kantonale Denkmalpflege hingegen setzte sich nach einer eingehenden Untersuchung dafür ein, die Schule als erhaltenswert unter Schutz zu stellen.
Ein Diskurs, den die Ämter im Thurgau offenbar schon länger führen: Die Nachkriegsmoderne war 2015 Thema der jährlichen Publikation der Thurgauer Denkmalpflege. Das Jurymitglied, der langjährige Kantonsbaumeister Markus Friedli, hat darin unter dem Titel «Ich lieb sie nicht – ich lieb sie» in einem Aufsatz die gespaltene Haltung im Umgang mit dieser Epoche beleuchtet. Das Pflichtenheft für das Verfahren war dementsprechend nicht eindeutig und liess den Teilnehmenden offen, das Schollenholz stehen zu lassen oder es durch einen Neubau zu ersetzen. Eines der Ziele dieses Wettbewerbs schien zu sein, die Frage nach dem richtigen Vorgehen bei Schulen aus dieser Epoche exemplarisch zu klären.
Überzeugende Pole
Passend zu dieser Ausgangslage wählte das städtische Hochbauamt als Verfahren einen Studienauftrag mit Zwischenpräsentation. So konnten die sechs Teams aus der Präqualifikation ihre Projektvorschläge zur Diskussion stellen, sie mit der Jury und weiteren Fachleuten erörtern und die Konzepte bis zur Abgabe nochmals verfeinern.
Wenig überraschend finden sich auf den Rängen die beiden Extreme: Lauener Baer Architekten kamen auf den ersten Platz mit einer Lösung, in der die gesamte Schulanlage erhalten bleibt und ein neuer Trakt die Anlage ergänzt. Nägele Twerenbold auf dem dritten Rang verfolgten den gleichen Ansatz. Auf dem zweiten Platz landete das Projekt von Waeber/Dickenmann mit einem kompletten Neubau. Die weiteren, nicht rangierten Projekte zeigen die Schattierungen dazwischen: von einer anregenden, aber kaum umsetzbaren Weiterführung der ursprünglichen Entwurfsmethode (hug Architekten) bis zu einem partiellen Ersatz einzelner Trakte durch Neubauten (Burkhard Meyer Partner sowie Aschwanden Schürer).
Wiederentdeckt und neu gewertet
Lauener Baer ergänzen die Anlage um ein schön proportioniertes Volumen mit Anlehnungen an den Brutalismus der 1970er-Jahre. Die Erschliessung knüpft an die bestehenden Wege und Verbindungen an. Im neu entstandenen Ensemble verteilen sie die Nutzungen: Zu den bestehenden zwölf Klassenzimmern sollten drei neue hinzukommen, dazu ein Mehrzwecksaal, das Tagesschulangebot und drei statt einem Kindergarten. Die bestehende Hauswartswohnung sollte beibehalten werden.
Die Klassenzimmer werden in den Neubau verlegt, der dank seiner effizienten Organisation einen zeitgemässen Unterricht ermöglicht. In die alten Schulräume kommen die neuen Nutzungen: die Kindergärten, die Tagesbetreuung und die Bibliothek. Die vermeintlichen Schwächen des Bestands – kleine Klassenzimmer und grosse Oberfläche – werden durch dieses Konzept neu gewertet und erscheinen plötzlich als Stärken: So ist zum Beispiel der direkte Bezug zum Aussenraum optimal für den Kindergarten, die Tagesbetreuung profitiert vom Ausblick in alle Richtungen. Damit zeigen Lauener Baer, dass die Zeit des alten Schulhauses noch lang nicht abgelaufen ist. Mit frischen Blick entdecken sie die Qualitäten, die im Schollenholz stecken, und nutzen sie für ihre Ziele.
Mehr Raum, mehr Tiefe
Die Kosten für die Instandstellung waren das wichtigste Argument, um einen Neubau zu fordern. Für die drei Projekte in der Endrunde wurde eine Kostenschätzung erstellt, die jedoch die Annahme widerlegt, dass ein Erhalt teurer zu stehen kommt als ein Neubau: Das Projekt von Nägele Twerenbold erwies sich als günstigste Lösung, danach folgt der Vorschlag von Lauener Baer, und erst an dritter Stelle liegt der Neubau von Waeber/Dickenmann. In diesem Licht erscheint der Vorschlag von Lauener Baer als salomonische Lösung: Er setzt die Wünsche der Schulgemeinde um, ebenso wie die Anliegen der Denkmalpflege.
Was könnte ein Fazit dieses Verfahrens sein? Es ist ein eindrückliches Beispiel für die Eigenheit des Entwurfsprozesses, auch ungeahnte Lösungen hervorzubringen – und gleichzeitig ein Plädoyer, im Wettbewerb auch Raum für grundsätzliche Fragen zu lassen.
Marko Sauer Architekt, Korrespondent TEC21