Studentisches Wohnen und öffentlicher Raum, Areal Rosengarten, Zürich
Selektives Verfahren
53 Röschibachstrasse, 8037 Zürich
Publikationsdatum
04.11.2015
Auftraggeber
Stiftung für Studentisches Wohnen Zürich
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Ursula Müller (Vorsitz),
- Bernhard Wolff (Amt für Städtebau Zürich),
- Charles Pictet (Charles Pictet Architecte Genf),
- Adrian Streich (Adrian Streich Architekten Zürich),
- Marco Zünd (Buol & Zünd Architekten Basel),
- Carola Antón Garcia,
Sachrichter
- Rebecca Taraborelli (Stiftung für Studentisches Wohnen Zürich, Geschäftsführerin),
- Thomas Schlepfer (Stiftung für Studentisches Wohnen Zürich, Stiftungsrat),
- Thomas Wernli (Liegenschaftenverwaltung Stadt Zürich),
- Daniel Kurz (Präsident WOKO, Studentische Wohngenossenschaft),
- Paul Bauer (Grün Stadt Zürich),
Wettbewerbsresultat
Resultat
Jeder zehnte Bewohner der Stadt Zürich studiert. Aber ohne Einkommen ist es in der aktuell viertteuersten Stadt der Welt kein Leichtes, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Studenten landen deshalb oft am Rand oder ausserhalb der Stadt, in Abbruchhäusern oder bleiben bei ihren Eltern.
Doch sie haben auch Verbündete: Die Stiftung für Studentisches Wohnen Zürich arbeitet seit 1987 im Auftrag der universitären Hochschulen und der Stadt Zürich daran, die Situation zu verbessern, indem sie günstigen Wohnraum für Studierende schafft und erhält. Ihr jüngster Neubau in Zürich-Affoltern, bezogen im Februar dieses Jahres, nach dem Entwurf von Darlington Meier Architekten ist eine überaus gelungene Leistung.
Im beliebten innerstädtischen Quartier Wipkingen soll ein weiterer Bau entstehen, für den der Wettbewerb im Juli entschieden wurde. Eine schöne Entwurfsaufgabe an einem städtischen Ort, «typisch Zürich», mit der sich insgesamt 73 Architekturbüros gern befasst hätten. Im selektiven Verfahren wurden zehn Teams aus Architektinnen, Baumanagern und Landschaftsarchitektinnen zugelassen – fast alle aus Zürich. Man bleibt unter sich, setzt auf lokale Kompetenzen. Und die gibt es: Ein Blick auf die Teilnehmerliste weckt hohe Erwartungen. Gewonnen haben schliesslich nicht die Renommiertesten, sondern die beiden jungen Kerez-Schüler Christian Scheidegger und Jürg Keller.
Ein paar Knacknüsse gab es, um sich die Zähne auszubeissen: Die etwa dreieckige Parzelle befindet sich südlich der Bucheggstrasse und ist daher enormem Verkehrslärm ausgesetzt. Sie liegt am Hang, auf dessen Gefälle das Gebäude reagieren muss. Die Aufgabe verlangte, unter den gegebenen Bedingungen eine hohe Anzahl von Wohneinheiten zu realisieren, und das Ganze sehr effizient, also für wenig Geld.
Gefordert waren: mindestens 130 Zimmer für Studierende, organisiert hauptsächlich in Grosswohngemeinschaften mit fünf bis acht Zimmern. Optional auch WGs mit drei bis vier Zimmern und Einzelstudios. Mit direktem Aussenraumbezug ein städtischer Kindergarten und eine Kinderkrippe, die die Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (kihz) betreiben wird. Ausserdem einige wenige Räume, die etwas Lautstärke vertragen: Gäste- und Musikzimmer, Arbeitsateliers, Büros, ein Multifunktionsraum. Und auf mindestens einem Drittel der Parzellenfläche ein Park für das ganze Quartier, lärmgeschützt und südexponiert.
«Zusammenleben» ist das zentrale Thema dieser Wettbewerbsaufgabe, neben den Herausforderungen, die Lärm, Hanglage und Kostendruck darstellen. Zusammenleben der Studenten in grossen Wohngemeinschaften, Zusammenleben der Wipkinger in den öffentlichen Räumen des Quartiers.
Das Siegerprojekt hat den kleinsten Fussabdruck von allen und die grösste Freifläche. Eine fünfgeschossige, 14 m tiefe Zeile entlang der Bucheggstrasse schirmt den Park vom Verkehr ab. Aneinandergereiht wurden – mit Anpassungen an den Enden – Maisonettewohnungen eines Regeltyps, erschlossen von fünf seitens der Bucheggstrasse zugänglichen Treppenhäusern. Die Wohnungen sind gelungen: Die Gemeinschaft hat doppelgeschossigen Raum, neben der Küche wie in der Loggia, wo man sogar die Nachbarn treffen kann. Eine Stützenreihe verleiht den sieben Zimmern eine Vorzone, die die Privatsphäre der Bewohner schützt – Zusammenleben ist ein Balanceakt.
Die Konstruktion in Stützen-Platten-Bauweise versprüht Industriecharme. Damit setzt sie auf eine Ästhetik, die bei einem Wohnungsneubau an diesem Ort wohl nur damit begründet werden kann, dass «industriell» derzeit eben angesagt ist. Weil das aber inzwischen schon seit Jahren so ist, wirkt es schon jetzt etwas verstaubt. Während im Innenraum eine glaubhafte Umgebung für studentisches Wohnen gelingt, ist die – wenn auch reich gegliederte und gut differenzierte – Klinkerfassade mit blechgedecktem Satteldach in ihrem Ausdruck wenig visionär. Bei der statischen Struktur und der Fassade sieht denn auch die Jury Verbesserungspotenzial hinsichtlich Gestaltung, Bautechnik und Kostenaufwand.
Die anderen Projektvorschläge brauchen einiges mehr an Volumen, um das geforderte Programm unterzubringen. Das Areal Rosengarten ist im Wettbewerb ein Experimentierfeld für Typologien, die zur ruhigen Parkseite eine möglichst grosse Fassadenabwicklung suchen. Vorgeschlagen werden Kammstrukturen und bewegte Gebäudekonturen in vielen Variationen. Es ist bemerkenswert, dass sich dennoch das städtebaulich rigideste Projekt durchgesetzt hat. Weil sich die klare Zeile gerade nicht mit dem Freiraum verzahnt, bleibt dieser gross und öffentlich.
jessenvollenweider auf dem zweiten Rang setzen zusätzlich zur strassenbegleitenden Zeile einen zweiten Bau, der den Freiraum fasst, jedoch auch empfindlich verkleinert. Das lange Haupthaus wird durch nur zwei unbeheizte Treppenhäuser erschlossen, von denen aus man die Wohnungen über parkseitige Loggien betritt. An den länglichen Gemeinschaftsräumen sind flächenökonomisch, das heisst im Regeltyp ohne weitere Gänge, die Zimmer angeordnet. Der drittrangierte Entwurf von Boltshauser Architekten folgt der Kammtypologie und bildet vier «Zinken» aus, die reizvolle, halboffene Höfe ausbilden, aber durch lange Gänge erschlossen werden.
Zwar ist für die Qualität von Freiräumen nicht nur die Grösse entscheidend. Aber es ist berechtigt, dass ein Projekt gewinnt, das dank einer guten Organisation und sparsamem Flächenverbrauch im Gebäude dem öffentlichen Zusammenleben des ganzen Quartiers maximale Fläche bietet – zumal die Studentenwohnungen nicht im Geringsten darunter leiden. Wie geht es nun weiter? Die künftigen Nutzer und die Wipkinger werden beteiligt, indem man sie nach ihren konkreten Bedürfnissen fragt und diese integriert. Studierende Zürichs: 2017 soll das Haus fertig sein.
Text: Pauline Bach, Architektin