Sanierung und Ergänzung Sekundarschule Münchenstein
Offenes Verfahren
56 Lärchenstrasse, 4142 Münchenstein
Publikationsdatum
29.08.2016
Auftraggeber
Hochbauamt Kanton Basel-Landschaft
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Marco Frigerio (Kantonsarchitekt Kanton Basel-Landschaft (Vorsitz)),
- Sibylle Aubort Raderschall (Landschaftsarchitektin, Meilen),
- Astrid Staufer (Architektin, Frauenfeld),
- Andreas Reuter (Architekt, Basel),
- Jonas Wirth (Architekt, Hochbauamt Kanton Basel-Landschaft),
Sachrichter
- Simon Esslinger (Schulleiter Sekundarschule Münchenstein),
- Petra Schmidt (Steuerung Raumressourcen Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion, Kanton Basel-Landschaft),
- Roger Stöcklin (Leiter Bauverwaltung Gemeinde Münchenstein),
- Michale à Wengen (Schulleiter Sekundarschule Reinach BL),
Wettbewerbsresultat
Die Schulanlage Lärchen in Münchenstein wurde nach den Plänen des Architekten René Toffol und des Landschaftsarchitekten Adrian Engler erstellt. Sie liegt in einem Quartier mit Einfamilienhäusern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre bemerkenswerte Qualität liegt in den grosszügigen Aussenräumen mit dominantem Baumbestand und gedeckten Bereichen, die für eine hohe Aufenthaltsqualität sorgen. Die Anlage ist im Bauinventar des Kantons Basel-Landschaft als kommunal schützenswert aufgeführt.
Mit der Reduktion des Unterrichts von vier auf drei Jahre wird die Sekundarstufe am Standort Lärchen konzentriert. Zur Erweiterung der Anlage hatte die Bau- und Umweltschutzdirektion des Kantons Basel-Landschaft deshalb im Januar 2016 einen Projektwettbewerb für Teams aus Architekten und Landschaftsarchitekten im offenen Verfahren ausgeschrieben.
Das Raumprogramm für Bestand und Ergänzungsbau sieht 18 Klassenzimmer sowie Spezialräume und Nebenräume vor. Die Nutzung soll flexibel sein und neben Frontalunterricht auch Unterrichtsformen wie Einzel-, Partner-, Projekt- und Gruppenarbeiten ermöglichen. Die Individualisierung des Unterrichts und die Förderung der Jugendlichen mit verschiedenen Leistungsniveaus führen zur Auflösung des Klassenverbands zugunsten von klassenübergreifenden Projektgruppen.
Um die bestehenden Gebäude und Aussenräume zu schützen, wurden einschränkende Vorgaben gemacht. Der Wettbewerbsperimeter umfasst nur die Freifläche im Westen. Die bestehende Schulanlage soll integral erhalten werden, also inklusive der inneren Raumteilung, die nicht verändert werden durfte. Für die zusätzlichen Gruppen- und Sanitärräume wurden im Rücken der bestehenden Klassenzimmertrakte begrenzte Bereiche für Anbauten ausgeschieden. Darin liegt auch der Grund, weshalb das Raumprogramm konventionell mit Klassen- und Gruppenräumen ausgefallen ist und keine grossräumigen Lernlandschaften enthält.
Das Bauvorhaben soll etappiert werden. Zuerst wird der Erweiterungsbau erstellt, danach werden in einer zweiten Etappe die bestehenden Bauten erweitert, umgebaut und instand gesetzt. Die Gesamtkosten für beide Teilprojekte werden auf 23.3 Millionen Franken geschätzt. Für den Ergänzungsbau wird ein mit dem Minergie-P-Standard vergleichbarer Energieverbrauch angestrebt. Die Räume sollen eine hohe Flexibilität aufweisen, um in Zukunft neue Erkenntnisse aus der Pädagogik berücksichtigen zu können.
Sparsam und grosszügig
Back Architekten aus Basel gewinnen den Wettbewerb mit einem kompakten Ergänzungsbau im Nordwesten der Anlage. Damit gelingt es, die Grosszügigkeit der Aussenräume zu bewahren und mit dem umliegenden Quartier zu verbinden. Geschickt bezieht sich der Neubau mit dem flach geneigten Dach auf die pavillonartigen Nebenbauten des Bestands und schafft so eine austarierte neue Gesamtanlage. Er dockt an die gedeckten Bereiche der bestehenden Schule an und stärkt damit den bestehenden Haupteingang. Der Neubau ist so abgespeckt, dass die Erschliessungszone monofunktional bleibt und andere Nutzungen ausschliesst. Die Gruppenräume im Obergeschoss sind in der Mitte angeordnet und über Oberlichter belichtet. Mit seiner Haltung der «Ökonomie des Denkens» nimmt das Projekt auf «sehr selbstverständliche und dennoch nicht mimetische Weise» Bezug zum Bestand der 1950er-Jahre, so der Jurybericht. Fett angesetzt haben hingegen die üppigen Erweiterungen der bestehenden Klassentrakte; diese «Rucksäcke» sind noch zu entschlacken.
Freie Neuinterpretation
Das zweitrangierte Projekt von Azzola Durisch Architekten aus Zürich geht mit den Vorgaben viel freier um und verblüfft mit einer erstaunlich selbstverständlichen Grossform. Dafür mussten die Verfasser aber Verstösse gegen das Raumprogramm und gegen den Wettbewerbsperimeter eingehen, die für die Jury jedoch nicht gravierend waren. Deshalb wurde der Beitrag auch zur Beurteilung und zur Prämierung zugelassen. Die beiden Klassentrakte werden mit Neubauten spielerisch zu einer eleganten Gesamtkomposition erweitert. Es entsteht eine nahezu klösterliche Anlage mit verglasten Kreuzgängen, die auf die beiden introvertierten Höfe ausgerichtet sind. Dies verspricht eine hohe Aufenthaltsqualität. Es waren vor allem zwei Gründe, weshalb der Beitrag nicht vollständig überzeugen konnte: Einerseits erinnert diese Disposition eher an eine Primarschule, und es bestehen Zweifel, ob die Anlage den Jugendlichen ein differenziertes Angebot an Aussenräumen mit genügend Rückzugsmöglichkeiten bieten kann. Andererseits verbindet sich die hermetische Anlage nicht mit dem angrenzenden Wohnquartier, sondern kapselt sich von ihm ab.
Respektvoller Solitär
Eine ganz andere Typologie schlägt der Beitrag der Murtener MJ2B Architekten vor. Ein ganz in die südwestliche Ecke gerückter Solitär lässt die bestehende Schule unangetastet und geht respektvoll auf Distanz. Die konsequente Abkopplung ging leider zulasten der gedeckten Verbindungen, für die auch kein adäquater Ersatz angeboten wird. Die innenräumliche Aufteilung ist naheliegend mit den Spezialräumen im Erdgeschoss und den Klassen- und Gruppenräumen im Obergeschoss. In der konsequenten Haltung eines gleichberechtigten Nebeneinanders, die im Kennwort «Gspänli» zum Ausdruck kommt, liegt auch die Schwäche des Projekts. Es fehlen die notwendigen gedeckten Aussenbereiche, und die Einbindung von Alt und Neu über die Aussenräume kann nicht restlos überzeugen.
Überrraschende Vielfalt
Das offene Verfahren demonstriert eindrücklich, dass mit den 83 Lösungsansätzen nicht nur viele unterschiedliche Typologien bearbeitet wurden, sondern auch für jede von ihnen eine Palette von Variationen zur Auswahl stand. Den Ansatz des Gewinners verfolgten viele Teilnehmende. Kein Beitrag hat aber die Situation so ausgereizt und die Entwurfshaltung der 1950er-Jahre für die Gegenwart so gekonnt adaptiert wie der Sieger. Mit dem zweitrangierten Beitrag tauchte zudem ein eigenständiger Ansatz auf, der trotz sorgfältiger Vorbereitung so nicht vorhersehbar war. Leider mussten die Verfasser dazu aber Verstösse gegen die Rahmenbedingungen des Wettbewerbsprogramms eingehen. Gut beraten ist also, wer den Teilnehmenden möglichst viele Freiheiten einräumt und die Lösungsvielfalt nicht unnötig einschränkt.
Text: Jean-Pierre Wymann, Architekt ETH SIA BSA, Mitglied der Wettbewerbskommission des SIA