Projektwettbewerb Unithèque Lausanne
Offenes Verfahren
Banane, 1015 Ecublens
Publikationsdatum
19.05.2016
Auftraggeber
COPIL des Constructions Universitaires
SIA 142
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Emmanuel Ventura (Kantonsarchitekt Kanton Waadt (Vorsitz)),
- Philippe Pont (Geschäftsleiter SIPaL Kanton Waadt),
- Geneviève Bonnard (Architektin, Monthey),
- Andreas Bründler (Architekt, Basel),
- Patrick Heiz (Architekt, Genf),
- Kimio Fukami (Architekt, Projektleiter Unil-Unibat),
- Marie-Françoise Bisbrouck (Sachverständige Bibliothek),
- Franz Graf (Architekt, Professor TSAM),
Wettbewerbsresultat
Die 1983 in Betrieb genommene Unithèque ist eines der vier Gebäude, die der Architekt des Lausanner Uni-Campus, Guido Cocchi, geplant hat. Die sogenannte «Banane», ein Meisterwerk landschaftsverträglicher Architektur, hat sich zum Wahrzeichen der Universität entwickelt. Sanft, aber nachdrücklich fügt sich das gebogene Gebäude in einen von Gegensätzen geprägten Standort ein: der See im Süden, ein Waldgürtel im Norden, eine grosse Eiche im Westen und unterhalb eine grüne Wiese. Die Atmosphäre im Innern, der Panoramablick, die fliessende Erschliessung und die Qualität des Innenausbaus machen die Unithèque zum Bauwerk von seltenem Rang.
Verdoppelungsbedarf
Da die Anzahl der Studierenden stark zunimmt, benötigt die Universität einen Erweiterungsbau, der 2000 Nutzern (heute sind es 900) dient und die Ausleihfläche für bibliografische Werke verdoppelt. Die Hochschule «stellt sich furchtlos der Verantwortung, dass sich ihr bekanntestes Gebäude weiterentwickeln kann», so Jurymitglied Patrick Heiz in der Wettbewerbsausschreibung. 52 Büros wagten sich an die schwierige Frage, wie das symbolträchtige, im baulichen Erbe einer Region fest verankerte Werk den veränderten Bedürfnissen anzupassen sei. Die acht rangierten Projekte zeigen drei verschiedene Herangehensweisen.
I: Sich einschreiben
Die erste Gruppe von Vorschlägen («Abaka», «Arca Noe», «épidaure» und «Arc en Terre») folgt der Logik Guido Cocchis. Der Architekt hatte bereits eine Erweiterung seines Gebäudes mitgedacht – durch die Ausdehnung der Kreisbogenform in die Tiefe und Breite. Indem sie sich dafür entschieden, eine Einheit mit dem Bestand zu bilden, trieben die Lausanner Architekten Fruehauf Henry & Viladoms mit ihrem Siegerprojekt «Abaka» diese Haltung auf die Spitze.
Das von ihnen vorgeschlagene neue Volumen schmiegt sich im Nordwesten an den Bestand, übertrifft aber dessen Höhenmass um wenige Meter und greift Cocchis Terrassenprinzip auf. Von Süden kaum wahrnehmbar lässt die Erweiterung «der Bibliothek von Cocchi die Rolle der Hauptfassade in Richtung See». Unterbrochen wird die sich unterordnende Architektur durch eine architektonische Geste, die von der Jury als «elegant» gewertet wird: Ein kleiner Turm markiert den neuen Haupteingang – dieser wurde verlegt und vergrössert, um das Parterre mit dem Hauptgeschoss durch einen monumentalen Flur zu verbinden, der die Räume und die Nutzerströme im Innern organisiert.
Das Spiel mit Terrassen setzt sich im Innern fort und bietet den Nutzern einen durchgehenden und grosszügigen Raum – dank einer Überdachung, die in einer einzigen Bewegung den gesamten Lesesaal überspannt und ihn so in ein zenitales, lesefreundliches Licht taucht. Der bescheidene äusserliche Eingriff kontrastiert mit der Inszenierung eines Raums, der die bisherige Raumorganisation mit starken inneren Bezügen transformiert.
II: Abgrenzen und befreien
Die zweite Reihe von prämierten Projekten («Lac Léman vu de Dorigny», «Aris», «Disco volante») nähert sich der Frage an, wie eine Architektur der Abgrenzung aussehen kann. «Lac Léman vu de Dorigny», das zweitrangierte Projekt von Bureau A, schlägt ein neues Bauwerk im nordöstlichen Teil des Geländes vor, entlang des bewaldeten Saums. Der hohe, feingliedrige Körper nimmt die einem Amphitheater ähnliche Topografie auf und erhöht das visuelle Erlebnis der Nutzer, während gleichzeitig die Grundfläche minimiert wird. Dieser Vorschlag stellt eine bewusste Referenz an das Projekt «Quitandinha» dar, das Oscar Niemeyer 1950 für die brasilianische Stadt Petrópolis entworfen hatte.
Die funktionale Reorganisation folgt einem Trennprinzip: Die horizontal ausgerichtete, bestehende Bibliothek wird für Verwaltung, Serviceräume, Lager und Besprechungszimmer reserviert. Das vertikal konzipierte neue Gebäude dagegen beherbergt die Lesesäle. Zwar liess sich die Jury – durchaus nachvollziehbar – von der Radikalität dieses Entwurfs begeistern. Dennoch konnte die Verbindung zwischen den beiden Gebäuden nicht vollständig überzeugen. Der unterdimensionierte Gang entspricht dem intensiven Austausch nicht und reduziert die Beziehung der beiden Baukörper auf ein kühles Nachbarschaftsverhältnis.
III: Vervielfachung
Charakteristisch für die zwei ersten Projektfamilien ist, wie sie die volumetrische Ausdehnung des bestehenden Gebäudes und die «Horssol»-Erweiterung auf eindeutige Weise auseinander halten. Weitere Vorschläge enthalten hybride Lösungsvarianten, so etwa das drittplatzierte «Silence… On tourne» von Graeme Mann & Patricia Capua Mann. Der neue Baukörper auf der Nordseite nimmt zwar die bestehende Geometrie auf, hält sich aber an zwei Orten am Gebäude von Cocchi fest. Die Erweiterung nach Osten beherbergt den neuen Haupteingang, ausgeschmückt mit einem weiten öffentlichen Raum.
Überzeugender Respekt
In ihrer Gesamtheit offenbaren die 52 Einreichungen die Schwierigkeit der Aufgabenstellung und unterstreichen das Gewicht der Historie. Ob sie nun eine geradezu organische Verstärkung des ursprünglichen Gebäudes vorschlagen oder eine markante Erweiterung – die überzeugendsten Projekte sind diejenigen, die sich für eine respektvolle Haltung gegenüber der Vergangenheit entschieden haben. Die Absicht des Siegerprojekts, das bauliche Erbe fortzuschreiben, ohne es zu verfälschen, fand Zustimmung. Stilübung oder echte bauliche Möglichkeit? Die für 2020 projektierte Umsetzung wird es zeigen.
Renderings und Pläne der rangierten Projekte finden Sie hier.
Cedric van der Poel Co-Leiter espazium.ch
Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21
Christof Rostert Abschlussredaktor TEC21 und espazium.ch