Neubau Zollstrasse Ost, Bereich «Wohnen», Zürich
Selektives Verfahren
56 Zollstrasse, 8005 Zürich
Publikationsdatum
26.10.2015
Auftraggeber
Schweizerische Bundesbahnen SBB
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Iris Reuther (Stadtplanerin, Senatsbaudirektorin Freie Hansestadt Bremen (Vorsitz)),
- Adrian Streich (Architekt, Adrian Streich Architekten AG, Zürich),
- Ingemar Vollenweider (Architekt),
- Pascal Hunkeler (Amt für Städtebau, Stadt Zürich),
- Cornelia Taiana (Amt für Städtebau, Stadt Zürich),
Sachrichter
- Peter Wicki (SBB Immobilien, Portfolio Management),
- Maria Åström (SBB Immobilien, Development Region Ost),
- Dagmar Ross (SBB Immobilien, Development Region Ost),
- Michael Blaser (Wüst und Wüst AG, Zürich),
Wettbewerbsresultat
Unter einer unverbaubaren Aussicht versteht man im Normalfall den exklusiven Blick auf eine intakte Landschaft etwa einen See oder Berg. In der Stadt kann dies aber auch etwas völlig anderes sein, zum Beispiel ein Gleisfeld. Was lange Jahre wegen Lärm und Rost gemieden wurde, hat dank der Weite der Gleise eigene Qualitäten zugesprochen bekommen. So auch in Zürich, wo rund um das Gleisfeld vor dem Hauptbahnhof kräftig gebaut wird. Die unmittelbare Nähe zum zentralen Umschlagplatz der Pendlerströme wiegt deutlich mehr als die Unannehmlichkeiten, die der Bahnverkehr schafft. Auf der südlichen Seite des Gleisfelds ist mit der Europaallee bereits ein neues Quartier gewachsen. Direkt gegenüber werden nun entlang der Zollstrasse, ebenfalls auf einem Grundstück der SBB, ein Dienstleistungsgebäude und eine Überbauung mit Wohnungen erstellt. Für jede Aufgabe wurde ein eigenes Verfahren durchgeführt, weshalb die beiden Teile höchst unterschiedlich ausfallen (vgl. «Wettbewerb Zollstrasse Ost, Bereich Dienstleistung»).
Grossform…
Die Zollstrasse bildet den Abschluss des Kreises 5 zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse. Dort dominieren Blockränder mit Häusern anonymer Baumeister, doch das Quartier ist ebenso von banalen Geschäftsbauten aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert geprägt. Was ist der Charakter dieses lebhaften Viertels? Und wie kann er in der neuen Überbauung in Erscheinung treten? Auf diese Fragen eine schlüssige Antwort zu finden, darin bestand die Aufgabe. Das Siegerprojekt von Esch Sintzel Architekten schmiegt sich mit einer Grossform in die polygonale Parzelle ein und übernimmt weitgehend das Volumen aus dem Gestaltungsplan. Die Architekten besetzen den westlichen Teil der Parzelle mit zwei Gebäuden in einem Verhältnis von rund 2:3 und schneiden gegen das Gleisfeld hin Ecken heraus. Dies hat zwei Effekte: Die Einschnitte bringen Licht in die beiden Häuser, und die Zacken erscheinen vom Gleisfeld her betrachtet als abgesetzte Volumen. Dadurch soll sich das lange Gebäude der feineren Körnung des Quartiers angleichen. Zur Zollstrasse hin gliedern Erker die Grossform – eine subtile Geste. Doch das Volumen bleibt in seinem Wesen eine polygonale Grossform. Welche Auswirkungen hat dies auf die Grundrisse? Sind bei den beiden kleineren Gebäuden noch gemeinsame Strukturen abzulesen, scheinen die Wohnungen im grossen Gebäude situativ in die komplizierte Geometrie eingefügt. Es fällt schwer, einen gemeinsamen Nenner oder ein ordnendes Prinzip darin zu finden.
… oder Punktbauten
Die beiden anderen prämierten Projekte zeigen, wie die Aufgabe auch mit mehreren Volumen zu lösen gewesen wäre: Caruso St John orientieren sich mit vier einzelnen Gebäuden an der Körnung im Quartier. Allerdings verweisen ihre mit unglasierten Keramikplatten verkleideten Häuser eher auf Mailand denn auf Zürich. Das eigenwillige und höchst anregende Projekt gliedert die Gebäude in einen fünfgeschossigen Sockel, auf dem über einem umlaufenden, balkonartigen Gesims zwei Stockwerke aufgesetzt sind. Dachgärten bilden einen flirrenden Abschluss auf den eleganten Häusern. Die Grundrisse weisen die gleiche städtische Grandezza auf wie das Erscheinungsbild: ein schlüssiger Entwurf aus einer Hand. Einen gänzlich anderen Weg schlägt das Team auf dem dritten Rang ein. Drei Büros zeichnen dafür verantwortlich, und sie teilen sich den Entwurf auf. In der ersten Stufe des Verfahrens waren es noch sechs Häuser – je zwei wurden durch eines der Teams bearbeitet. In der zweiten Stufe reduzierte sich die Anzahl der Gebäude auf fünf. Das Vorgehen imitiert die Entstehungsgeschichte des Quartiers, indem uniforme, aber nicht identische Gebäude entstehen: Jeder trägt mit seiner Handschrift dazu bei, dass die Siedlung lebendig und vielgestaltig erscheint; «Variance in Unity» lautet der programmatische Titel des Projekts. Dies erzeugt nicht nur attraktive, wahrlich städtische Aussenräume, die den Charme des Quartiers bis an die Gleiskante tragen, auch die Wohnungen sind vielfältig. Aus dem Jurybericht geht nicht klar hervor, weshalb dieses überzeugende Konzept nicht gesiegt hat – es wäre eine interessante Alternative gewesen zur sattsam bekannten, homogen gestalteten Grossform.
Text: Marko Sauer, Architekt
Weitere Teilnehmer der 1.Stufe
Steib & Geschwentner Architekten, Zürich, Helle Architektur, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel; GMS Partner, Zürich; 3-Plan Haustechnik, Winterthur; GKP Fassadentechnik, Aadorf Charles Pictet Architecte, Genf, Nicola Braghieri, Mailand (I); Ott & Uldry, Tônex; Yoann Da Fonte, Chêne-Bougeries; MAB Ingenierie, Morges; Putallaz Ingénieurs-Conseil, Genève; Pierre Buclin, Petit-Lancy; MSRL-Ingenieur RG Riedweg et Gendre, Carouge; Architecture et Acoustique SA, Genève; Securi Concept, Grand-Lancy; Félix constructions, Denges Galli Rudolf Architekten, Zürich; Heyer Kaufmann Partner, Zürich; ph-baumanagement, Frauenfeld; Amstein + Walthert, Zürich; BAKUS Bauphysik & Akustik, Zürich; AFC Air Flow Consulting, Zürich; Stäger + Nägeli, Zürich; Bau- und Umweltchemie, Zürich von Ballmoos Krucker Architekten, Zürich; Conzett Bronzini Gartmann, Chur; GMS Partner, Zürich; Amstein + Walthert, Zürich; gkp fassadentechnik, Aardorf huggenbergerfries Architekten AG, Zürich, Atelier Bow-Wow, Tokio (Jp); Synaxis, Zürich; TGS Bauökonomen, Luzern; R+B engineering, Brugg; Hobler Engineering, Zürich; Gartenmann Engineering, Zürich; Balzer Ingenieure, Chur; Bardak Planungsbüro, Schaffhausen; edelmann energie, Zürich