Neubau Wohn- und Beschäftigungsheim Säget, Belp
Offenes Verfahren
15 Sägetstrasse, 3123 Belp
Publikationsdatum
30.12.2015
Auftraggeber
Nathalie Stiftung
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Franziska Manetsch,
- Robert Kohler,
- Rolf Mühlethaler,
- Beat Strasser,
Sachrichter
- Christian Staub (Vorsitz),
- Irène Signer Borer,
Wettbewerbsresultat
Manuela Dalle Carbonare ist die Direktorin der Nathalie Stiftung. Sie wusste schon von Beginn an, was sie in ihrem neuen Haus nicht haben wollte: «Grosse Gemeinschaftsräume und loftartige Lobbys sind für unsere Klienten kontraproduktiv. Die Menschen, die bei uns häufig ihr gesamtes Erwachsenenleben verbringen, brauchen Ruhe, eine reizarme Umgebung und genügend Raum, um eigene Wege zu gehen.»
So stand für einmal nicht die Vernetzung einer Gemeinschaft im Fokus, vielmehr musste der Alltag der 17 Bewohnerinnen und Bewohner so entflochten werden, dass ihnen genügend Abstand voneinander ermöglicht wird.
Wohngruppen und Studios
Dazu bietet das Heim zwei unterschiedliche Wohnformen an: Zum einen leben die Klienten in drei Gruppen zu vier Personen. Diese bewohnen eine Einheit, die neben dem Schlafzimmer und den Nassräumen auch einen Wohn- und Essbereich sowie einen Beschäftigungsraum umfasst. Das Siegerprojekt bietet zudem einen Aussenraum, der durch die jeweilige Wohngruppe genutzt wird: entweder als Teil des Gartens oder als Terrasse auf dem Dach der niedrigeren Kuben. Die Aussenräume sind jeweils auch über eine separate Treppe zu erreichen. So entstehen Bereiche mit einer familiären, überschaubaren Gruppengrösse.
Zum anderen stehen im Erdgeschoss fünf Studios mit eigener Nasszelle und Küche zur Verfügung. In ihnen können Personen untergebracht werden, die eigenständig sind, aber mit dem Gemeinschaftsleben in der kleinen Gruppe überfordert sind. Auch sie kommen in den Genuss eines eigenen Aussenraums in Form eines Balkons.
Betonkern mit hölzerner Hülle
Die geschickte Setzung der einzelnen Zimmer überzeugte die Jury. «Grundrisse, die an ein Spital erinnerten oder lange Korridore aufwiesen, sind schon früh im Verfahren ausgeschieden. Das Projekt ‹Trias› bietet eine optimale Balance zwischen Gemeinschaft und individuellem Rückzugsraum», kommentiert Dalle Carbonare die Stärken des Siegerprojekts.
Doch nicht nur das neue Haus orientierte sich an den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner. Auch bei seiner Erstellung muss auf deren Besonderheiten Rücksicht genommen werden: Personen mit ASS reagieren empfindlich auf Lärmbelastung. Ein Umbau unter laufendem Betrieb kommt somit nicht infrage – die Klienten werden während der Bauphase in einem Provisorium untergebracht. Der Neubau sollte deshalb möglichst schnell errichtet werden können.
Blättler Heinzer Architekten reagieren auf diese Anforderung mit einem betonierten Kern, der die sanitären Anlagen und die Erschliessung umfasst, umgeben von einem Kranz aus Holz mit den restlichen Zimmern. Diese Konstruktion verspricht einen schnellen Ablauf auf der Baustelle.
Am Konkreten prüfen
Die Stiftung hat ein offenes Verfahren gewählt, da sie Gelder der öffentlichen Hand bezieht. Zu Beginn fürchtete die Direktorin den Aufwand, der damit verbunden war. Doch schnell sah sie auch die Vorteile des offenen Wettbewerbs. Die Machbarkeit der pädagogischen Konzepte könne erst an den konkreten Projekten beurteilt werden. Wobei der Fachjury eine entscheidende Rolle zukomme, denn sie übersetze die Grundrisse und Schnitte aus der Sprache der Architekten in die Sprache der Pflegefachleute.
Erst im Gespräch wuchs aus den abstrakten Plänen die Vorstellung der Räume, in denen ihre Klienten in Zukunft leben werden. Das Projekt «Trias» verspricht mit seinen drei abgetreppten Kuben ein selbstverständlicher Teil des Quartiers zu werden – und ein passendes Daheim für seine fragilen Bewohner.
Text: Marko Sauer, Architekt