Neubau Justizvollzugs-Anstalt Kanton Graubünden
Selektives Verfahren
Realta, 7415 Cazis
Publikationsdatum
29.10.2015
Auftraggeber
Hochbauamt Graubünden
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Markus Dünner (Architekt, Kantonsbaumeister Graubünden, Chur),
- Andrea Seelich (Architektin und Kriminologin, Wien),
- Philipp Esch (Architekt, Zürich),
- Martin Weishaupt (Architekt, Einsiedeln),
- Gion Darms (Architekt, Stv. Kantonsbaumeister Graubünden, Chur),
Sachrichter
- Mario Cavigelli (Regierungsrat, Vorsteher Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement Graubünden, Vorsitz, Chur),
- Martin Graf (Regierungsrat, Vorsteher der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich, Präsident des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats, Zürich),
- Ueli Graf (ehem. Direktor Justizvollzugsanstalt Pöschwies, Regensdorf),
- Mathias Fässler (Leiter Amt für Justizvollzug Graubünden, Chur),
Wettbewerbsresultat
Straftäter haben in unserer Gesellschaft nur selten Fürsprecher: Hat jemand Schuld auf sich geladen, soll er dies auch spüren. Wer jedoch ein Gebäude plant, in dem Menschen unter Zwang und für lange Zeit leben müssen, nimmt automatisch einen differenzierten Blick ein. Diese Sichtweise mussten die Planenden in der Thesenkonkurrenz für eine neue Justizvollzugsanstalt darlegen und in einen architektonischen Ansatz umwandeln. Die Justizvollzugsstätten des Kantons Graubünden sollen an einem Ort zusammengelegt werden, die kantonalen Behörden ermittelten Cazis als idealen Standort für die 150 Plätze umfassende Anlage.
Als Basis für die Konkurrenz diente eine Testplanung von Bob Gysin+Partner aus Zürich. Darin waren die wichtigsten volumetrischen und funktionalen Vorgaben des Gefängnisses umgesetzt – die Teilnehmer der Thesenkonkurrenz, die durch eine Präqualifikation ermittelt wurden, mussten aus der schematischen Anordnung einen Hinweis auf die Architektur formulieren. Dabei war kein Projekt gesucht, was für einen klassischen Projektwettbewerb gesprochen hätte – und auch nicht ein Planerteam, was ein Planerwahlverfahren gerechtfertigt hätte.
Mit der Thesenkonkurrenz kam ein Verfahren zum Einsatz, das nur selten angewendet wird. Dabei vermischen sich kulturelle Analyse, funktionale Verfeinerung und architektonischer Ausdruck in einer grossen Flughöhe. Das Churer Büro Jüngling und Hagmann präsentierte eine perfekte Mischung dieser Elemente: Die auf 20 Seiten beschränkte Abgabe bietet eine fundierte geschichtliche, betriebliche und architektonische Analyse der Bauaufgabe. Mustergültig leitet sich von der Grossform bis zur einzelnen Zelle ein Element aus dem anderen ab und führt die Testplanung einen entscheidenden Schritt weiter. Die Architekten gingen dabei ziemlich ins Detail und liessen sich tief auf die Aufgabe ein.
Mit einem Bruch zur Testplanung boten e2a und Aschwanden Schürer Projekte, die einen anderen Ansatz verfolgten. Die Eckert-Brüder schlagen vor, das Leben im Gefängnis mit fragmentierten Höfen anzureichern. Ein Konzept, das vielleicht zu sehr an einen «Club Méditerranée» erinnert und Probleme mit der Aufsicht der Insassen bringt. Feiner reagieren Aschwanden und Schürer mit einem wild bewachsenen Innenhof: Als Gegenpol zum streng reglementierten Alltag bietet er einen Fluchtort für die Gedanken – denn diese sind bekanntlich frei. Auch hinter Gittern.
Marko Sauer Architekt, Korrespondent TEC21