Neubau IT-Rechenzentrum mit Arbeitsplätzen
Selektives Verfahren
Industriestrasse 2, 3600 Thun
Publikationsdatum
08.12.2016
Auftraggeber
Einwohnergemeinde Thun, Amt für Stadtliegenschaften
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Bruno Krucker (Architekt, Zürich),
- Markus Bolt (Architekt, Winterthur),
- Stefan Graf (Architekt, Bern),
- Oliver Sidler (Architekt, Liebefeld),
- Stefan Dellenbach (Architekt),
Sachrichter
- Konrad Hädener (Vorsteher Direktion Bau und Liegenschaften (Vorsitz)),
- Thomas Zumthurm (Leiter Amt für Stadtliegenschaften),
- Urs Eggerschwiler (Chef Informatikdienste),
- Martin Zobrist (Leiter Baumanagement Amt für Stadtliegenschaften),
Wettbewerbsresultat
Ausgangslage
Heute betreibt die Stadt Thun ein eigenes, autonomes Rechenzentrum (RZ) am Verwaltungsstandort Thunerhof. Das heutige RZ verfügt über eine unterbruchfreie Stromversorgung, jedoch über keine Klimatisation und keine Redundanz. Ein technischer Totalausfall hätte gravierende Folgen. Eine ungeplante Neubeschaffung und Konfiguration des gesamten IT-Netzwerkes und anschliessende Neueinspeisung der Daten würde mehrere Monate dauern. Aufgrund dieser Risiken und der Entwicklung, dass immer mehr Daten nur noch elektronisch verfügbar sind, soll mit einem zusätzlichen RZ eine Redundanz und Kapazitätserweiterung geschaffen werden. Damit wird die Ausfallsicherheit erhöht, die Leistungsverteilung und der Betrieb verbessert. Mit einem Neubau des RZs sollen die aktuellen Anforderungen optimal erfüllt werden.
Der Neubau umfasst die RZ-Infrastruktur sowie die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden der Informatikabteilung und die anverwandten Nutzungen wie Schulungsräume, Testlabor und Staging (Prozess der Informationsintegration).
Präqualifikation
Im Rahmen der Präqualifikation haben sich 23 Planerteams zur Teilnahme am Wettbewerb beworben. Aus diesen Bewerbungen bestimmte das Preisgericht fünf Planerteams zur Teilnahme am Wettbewerb.
Empfehlungen
Das Preisgericht empfiehlt der Veranstalterin einstimmig, die Verfasser des erstrangierten Projekts «Binär» mit der weiteren Bearbeitung der Aufgabe zu beauftragen.
Das Preisgericht empfiehlt, in die weitere Bearbeitung folgende Hinweise einfliessen zu lassen:
- Die im Projektbeschrieb kritisch vermerkten Punkte sind aufzugreifen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu optimieren.
- Im Erdgeschoss ist ein einfacher, direkter Fluchtweg ins Freie zu suchen.
- Die Entfluchtung des Bestandsgebäudes muss auf allen Geschossen ohne Konflikt mit den RZ-Sicherheitszonen erfolgen.
- Die Auffindbarkeit des Schulungsbereichs im Erdgeschoss ist zu verbessern, die Anordnung der Treppe ist zu prüfen.
- Der Putzraum im Erdgeschoss ist an anderer Stelle vorzusehen.
- Die Fortsetzung der Baumreihe entlang der Industriestrasse ist zu prüfen.
- Die statische-konstruktive Lösung der Nordfassade ist im Hinblick auf eine langfristige Nutzungsflexibilität zu entwickeln.
Rangierte Projekte
1. Rang «Binär» (:mlzd planer)
Städtebauliches Konzept
Der städtebauliche Ansatz ist ebenso einfach wie selbstverständlich: ein viergeschossiger Baukörper ergänzt die lange Zeile der Stadtverwaltung, setzt einen abschliessenden Akzent am Westrand des Werkhofgebäudes und vermittelt durch seine Höhe zum angrenzenden Gebäude von Energie Thun. Die überzeugende Einfachheit des Vorschlages kommt auch in den Aussenräumen zum Ausdruck. An der Industriestrasse entsteht ein angemessener Vorplatz, der durch das Zurücksetzen der Erdgeschossfassade noch an Grosszügigkeit gewinnt. Rückwärtig entsteht ein nahezu quadratischer, offener Hof. Einerseits wird damit die Erschliessung des Werkhofes sichergestellt, anderseits den Schulungsräumen eine attraktive Pausenterrasse vorgelagert.
Architektonisches Gesamtkonzept
Die architektonische Gestalt ist mit Sorgfalt aus dem städtebaulichen Konzept heraus entwickelt, wiederspiegelt aber auch den funktionellen Aufbau des Gebäudes. Die Südfassade interpretiert mit zeitgemässen Mitteln einzelne Elemente der bestehenden Bauten und betont damit die Kontinuität des Strassenraumes. Hofseitig steht die geschlossene Betonfassade der Technikräume über einem grosszügig verglasten Erdgeschoss – ein Bild, das in seiner fast schon musealen Strenge vielleicht etwas über das Ziel hinausgreift.
Nutzungsqualität und Funktionalität
Der betriebliche Aufbau entspricht grundsätzlich den Vorgaben des Wettbewerbsprogrammes. Im Erdgeschoss sind die für Aussenstehende zugänglichen Räume zusammengefasst. In den oberen Geschossen werden auf sinnvolle Art die Arbeitsräume südseitig, die Technikräume zum Hof orientiert. Der betrieblich klare Aufbau ergibt auch übersichtliche Sicherheitszonen. Einzig die Positionierung und Ausgestaltung des Treppenhauses entspricht in der aufgezeigten Form nicht den feuerpolizeilichen Anforderungen. Die Bedienung des Empfangsbereiches durch das Team Servicecenter ist betrieblich ideal, jedoch muss die Distanz zum Supportteam in der Überarbeitung geklärt werden. Unverständlich ist schliesslich die Anordnung des grossen Putzmaterialraumes an attraktiver Lage im Erdgeschoss. Überzeugend gelöst ist dagegen der im obersten Geschoss angeordnete Haustechnikhof. Er bietet günstige Voraussetzungen bezüglich Leitungsführung, Geräteunterhalt und langfristiger Flexibilität.
Die Vorgaben zur Zonierung wurden übernommen und umgesetzt. Besucher werden beim Empfangsschalter im EG empfangen. Der grüne Bereich (Zone 1) im EG umfasst alle entsprechenden Nutzungen. Die Vertikalerschliessung ist einheitlich in der Zone 2 gehalten: eine geschossübergreifende Zirkulation ist gegeben, insbesondere zum im EG platzierten Service Center.
Sicherheitstechnisch unerwünscht ist die Entfluchtung des Nachbargebäudes über den geplanten Neubau: im 1. und 2. OG erhalten Dritte so Zutritt direkt in die Zone 2. Die Unterbringung der RZ-nahen Haustechnik ist im 1.OG vorgesehen. Die kompakte Anordnung direkt unter dem RZ ermöglicht kurze Erschliessungswege. Die Einbringung von Haustechnik- und RZ-Komponenten soll via Personen- / Warenlift ins EG und von dort über den Haupteingang erfolgen. Dieser Einbringungsweg erscheint etwas knapp bemessen.
Die nach oben offene, aber seitlich geschlossene Aufstellung der Technikkomponenten auf dem Dach bietet Vorteile, insbesondere auch für den Blitz- und Schallschutz. Die abgegebenen technischen Erläuterungen sind teilweise sehr allgemein gehalten. Der direkte Bezug zum vorliegenden Projekt ist nicht immer gegeben und wird entsprechend vermisst.
Wirtschaftlichkeit in Bau und Betrieb
Auch bei der Wirtschaftlichkeitsbeurteilung führt das klare, einfache Konzept zu durchwegs günstigen Kennwerten. Die voraussichtlichen Anlagekosten sind im Quervergleich aller Projekte am tiefsten und erreichen nahezu den vorgegebenen Zielwert. Hauptgrund dafür ist das kompakte Gebäudevolumen, möglich dank einer straffen Grundriss-Disposition, teilweise aber auch erkauft durch sehr knapp dimensionierte Erschliessungszonen.
Insgesamt gelingt es den Verfassern, die betrieblichen Anforderungen, die wirtschaftlichen Vorgaben und eine überzeugende architektonische Haltung in einem sehr disziplinierten Projekt zusammenzuführen.
2. Rang «Solitär» (Itten + Brechbühl)
Das Projekt Solitär schlägt im südwestlichen Teil des Perimeters einen eigenständigen, dreigeschossigen Baukörper vor. Der Neubau übernimmt die Gebäudeflucht der Bestandesbauten entlang der Industriestrasse und soll sich durch seine Volumetrie in die bestehenden, in das Quartier eingestreuten vier- bis fünfgeschossigen Punktbauten einreihen. Das vorgeschlagene Bauvolumen weist eine gute Proportion auf. Um Teil der höheren Punktbauten zu werden, sind die vorgeschlagenen drei Geschosse jedoch zu niedrig. Erst mit der beschriebenen späteren Verdichtung um 1 bis 2 Geschosse würde der Neubau die nötige Kraft entfalten...
Das Projekt «Solitär» ist sehr kompakt und verfügt über eine einfache und klare Tragstruktur. Der als Massivbau konzipierte Neubau weist eine Fassadenkonstruktion aus vorfabrizierten Beton- sowie Holzelementen mit identischen Holzmetall-Fenstern und einer Streckmetallverkleidung auf. Die Vorfabrikation verspricht eine rationelle Bauweise und optimierte Erstellungskosten. Zusammen mit den durchwegs guten Flächenkennwerten lässt das Projekt unterdurchschnittliche Anlagekosten erwarten.
Das Preisgericht würdigt den Ansatz dieser Solitärlösung, zeigt er doch auf, dass ein losgelöster Neubau entlang der Industriestrasse möglich ist. Der Vorschlag des attraktiven Aussenraums ist ein wertvoller Beitrag zur gestellten Aufgabe. Leider bleibt der Projektvorschlag bezüglich der Fassadengestaltung schematisch und nicht aus dem Kontext entwickelt.
3. Rang «Link» (Brügger Architekten)
Das städtebauliche Konzept des Projektes «Link» besticht mit seiner zurückhaltenden Volumetrie und Klarheit. Die Verfasser lesen die ergänzte Liegenschaft Industriestrasse 2 zusammen mit dem viergeschossigen Gebäude der Energie Thun AG als übergeordnete Einheit. Das Wettbewerbsprojekt bildet in dieser Lesart nicht ein Ende, sondern schliesst die noch offene Lücke im Strassenraum.
Der Entwurf entwickelt sich aus der bestehenden Gebäudetypologie mit den an die Hallenbauten direkt angefügten, dreigeschossigen Bürotrakten entlang der Industriestrasse heraus. Der dreigeschossige Neubau fügt sich mit der Aufnahme der bestehenden Fassadenflucht und der durchlaufenden Trauflinie in selbstverständlicher Weise ins bestehende Ensemble ein. Die städtebauliche Konzeption findet in der präzis ausgestalteten und aus dem Bestand heraus entwickelten Strassenfassade ihre Entsprechung. Die Stirn- und die Nordfassade vermögen allerdings nicht der ausgeformten Qualität der Strassenfassade zu entsprechen. Der Zugang zum Neubau erfolgt folgerichtig von der Industriestrasse her. Parkplätze und die bestehende Baumreihe entlang der Industriestrasse werden ergänzt. Das Parkieren direkt an der Fassade vor Arbeits-, Schulungs- und Aufenthaltsräumen ist störend. Der rückwärtige Aussenraum (Hof) dient der Anlieferung, Parkierung und der Erschliessung der bestehenden Hallenbauten. Eine Baumreihe im Hof zoniert die Nutzflächen.
Das durch die präzise Setzung des schlanken Baukörpers entstehende Potential für qualitätsvoll gestaltete Aussenraumflächen mit Aufenthaltsqualität wird zu wenig ausgeschöpft...
Die grundsätzlich überzeugende und stringente städtebauliche Haltung des «Weiterbauens» vermag leider in seiner Ausformulierung nicht vollumfänglich zu überzeugen. Gesamthaft gesehen ist das Projekt «Link» ein wertvoller Beitrag zur Aufgabenstellung, welcher schlussendlich aber an seiner teilweise allzu pragmatischen Umsetzung scheitert.
(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)