Gesamtsanierung und Erweiterung Schulanlage Auen, Frauenfeld
Selektives Verfahren
13 Thundorferstrasse, 8500 Frauenfeld
Publikationsdatum
04.11.2015
Auftraggeber
Sekundarschulgemeinde Frauenfeld
SIA 142
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Markus Friedli ,
- Rolf Mühlethaler,
- Franz Romero,
- Jürg Spreyermann,
Sachrichter
- Andreas Gachnang (Vorsitz),
- Andreas Wirth,
- Karin Geiges (Vizepräsidentin),
- Claudio Bernold,
- Franz X. Isenring,
- Markus Herzog,
Wettbewerbsresultat
Im Jahr 1969 beendeten die Architekten Alfons Barth und Hans Zaugg, Vertreter der Solothurner Schule, die Abschlussklassenschule Auen in Frauenfeld. Sie schufen eine streng geometrische Anlage aus drei kubischen Baukörpern in Nord-Süd-Ausrichtung. Dem dreigeschossigen Schulgebäude steht eine ebenso breite, aber weniger tiefe und hohe Turnhalle exakt gegenüber; zwischen ihnen spannt sich ein Binnenraum auf. Westlich in der Flucht des Schulhauses und etwas tiefer liegend, ist ausserdem ein kleineres Werkgebäude angeordnet.
Etwa 25 Jahre später konnten die Verfasser selbst ein zweites, kleineres Schulgebäude hinzufügen, das sich wiederum an der vorderen Flucht der Turnhalle orientiert und den zentralen Freiraum gen Westen verlängert. Präzise sind die klaren, wohlproportionierten Kuben im Grünraum gesetzt. Ohne Sockel wirken sie fast schwebend, entrückt vom Erdboden. Sie sind objekthaft und selbstbezogen. Ihre streng gerasterten, schlank konstruierten Fassaden reagieren nicht auf unterschiedliche Ausrichtungen, sondern sind universelle Hüllen.
Obwohl nachträglich erstellte Überdachungen den Binnenraum heute verunklären, ist die Kraft der Anlage spürbar. «Bemerkenswert nach 1959», urteilt die Denkmalpflege und nimmt sie ins Inventar auf. Doch um sie weiterhin als Oberstufenzentrum nutzen zu können, sind räumliche Erweiterungen und technische Sanierungen unumgänglich. Etwa 20 Jahre nach dem letzten Neubau hat man nun als Resultat eines einstufigen Wettbewerbs im selektiven Verfahren eine Lösung für den erneuten Ausbau gefunden.
Neben der partiellen Reorganisation bestehender Räume und dem Entwurf eines neuen Aussenraumkonzepts galt es, die Zweifach- zur Dreifachturnhalle zu vergrössern sowie eine Eingangshalle, eine Aula und ein Bistro neu zu erstellen. Die entscheidende Herausforderung lag darin, die zusätzlichen Funktionen zu integrieren, ohne den Charakter der Anlage zu verfälschen.
jessenvollenweider architektur haben mit einem mutigen Projekt überzeugt: Sie besetzen die freie Mittelachse mit der linearen Folge eines Pavillons und zwei Überdachungen. Durch diesen prägnanten Eingriff versuchen sie, ein neues Gleichgewicht im Sinn der ursprünglichen Anlage herzustellen. So wird das zentrale Gegenüber von Schulhaus und Turnhalle wieder gestärkt; es ergibt sich ein innerer Zusammenhalt. Im Pavillon, der eine Brücke zum Quartier im Osten schlägt, befinden sich die Eingangshalle mit Treppe ins Untergeschoss zur Turnhalle, die Aula und das Bistro – öffentliche Funktionen, die auch ausserhalb des Schulbetriebs genutzt werden können.
Anders als die historischen Volumen werden die Neubauten als Dächer mit aussen liegenden Stützen ausgebildet. Hier fragt die Jury, ob diese konstruktive «Nobilisierung» dem Bestand gegenüber angemessen sei, und verlangt eine Überarbeitung. jessenvollenweider architektur haben nicht nur eine städtebaulich interessante Lösung gefunden, auch die Infrastrukturbedürfnisse und die funktionalen Anforderungen der Schule wurden optimal erfüllt.
Grundlegend verschiedene Ansätze haben die Projekte auf dem zweiten und dritten Rang verfolgt. Gemeinsam mit dem Siegerprojekt repräsentieren sie die Bandbreite der Wettbewerbsergebnisse. Armin Benz Martin Engeler Architekten haben den Binnenraum von nachträglichen Überdachungen befreit und die Volumen somit wieder freigestellt. Im Osten und Westen, jeweils leicht von der Mittelachse abgerückt, planen sie zwei grosse Dächer, die beide gleichzeitig als Pausenplatzüberdachungen und Velounterstände dienen. Aula und Cafeteria sind in das erweiterte Turnhallengebäude integriert, das über freie Treppen im Hof erschlossen wird. Die Jury würdigt die hohe städtebauliche und architektonische Qualität sowie die betriebliche Funktionalität, fragt sich aber, ob nicht schon bald wieder pragmatische Anpassungen erforderlich würden.
Jürg Graser ist Experte in der Forschung über das Werk der Solothurner Schule. Er ist überzeugt, dass kleinere Neubauten auf der Mittelachse die Grosszügigkeit der Anlage zerstören würden. Stattdessen sollte der Charakter des Parks mit vier Volumen erhalten bleiben. Sein Büro schlägt deshalb vor, alle öffentlichen Funktionen unterhalb des mittigen Freiraums in einem tiefer liegenden Boulevardgeschoss zu organisieren. Prominent öffnet es sich nach Ost und West; schräge Ebenen und Rampen erschliessen die nun konkurrierenden Ebenen. Doch diese Geste marginalisiert das Erdgeschoss und untergräbt das Erlebnis der Gesamtanlage.
Alle zwölf Teilnehmer haben sich um einen respektvollen Umgang mit dem Bestand bemüht. Die Schulräume konnten gut innerhalb der bestehenden Gebäudestruktur reorganisiert werden. Viele Projekte ordnen das zusätzliche Programm im Untergeschoss an. Im Fall von Garderoben zur Turnhalle und Technikräumen ist dies naheliegend. Werden aber auch wichtige Haupträume unter die Erde verlegt, wirkt das fast wie eine Kapitulation vor der Aufgabe, das Ensemble städtebaulich weiterzuentwickeln. Die Angemessenheit der Interventionen war für die Jury ein wichtiges Kriterium. Und doch bedeutet ein sensibler Umgang mit Objekten unter Denkmalschutz nicht unbedingt, den Eingriff unsichtbar machen zu müssen. Vielmehr besteht dann die Gefahr, mit einer «Parallelwelt» die eigentliche Situation zu verneinen. Das Siegerprojekt dieses Wettbewerbs versucht dagegen, im Geist des Bestands weiterzubauen – und muss sich damit nicht verstecken.
Text: Pauline Bach, Architektin