Gesamterneuerung Wohnsiedlung «Tüfwis» in Winkel
Einladungsverfahren
6-8 Spichergasse, 8185 Winkel
Publikationsdatum
28.07.2016
Auftraggeber
Immobilien-Anlagestiftung Turidomus
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Katrin Jaggi (Dipl. Architektin ETH/SIA, Zürich (Vorsitz)),
- Dieter Bachmann (Dipl. Architekt HTL/BSA, Zürich),
- Sandro Balliana (Landschaftsarchitekt BSLA, Zürich),
- Dieter Zumsteg (Dipl. Ing. Raumplaner FH/SIA, Zürich),
Sachrichter
- Marc Derron (Pensimo Management AG, CCO Chief Construction Officer),
- Joris van Wezemael (Pensimo Management AG, Portfoliomanager),
- Daniel von Büren (Gemeinderat Winkel, Hochbauvorsteher),
- Monika Walther (Pensimo Management AG, Projektleiterin),
Wettbewerbsresultat
Absicht
Die Gemeinde Winkel ist ein attraktiver Wohnort nahe des Flughafens Zürich im dynamisch wachsenden Metropolitanraum Zürich. Am südlichen Dorfrand von Winkel liegt die bei ihren Bewohnern geschätzte Wohnsiedlung «Tüfwis».
Die Überbauung mit sechs Mehrfamilienhäusern, einem Einfamilienhaus und einem öffentlichen Kindergarten wurde anfangs der Siebzigerjahre von der Pensionskasse der damaligen Swissair für deren Mitarbeitende gebaut. Nach dem Grounding der Fluggesellschaft gründeten die Pensionskasse der Swissair und weitere Partner die Immobilien-Anlagestiftung Turidomus. So ging die Siedlung 2002 ins Portfolio der Turidomus über.
Die mit ihrer einheitlichen modernen Architektursprache in Winkel einzigartige Überbauung befindet sich weitgehend im Originalzustand und wurde seit ihrer Erstellung nie grundlegend saniert. Für die Bauten stünde deshalb eine umfassende Sanierung dringend an. Die Anlagestiftung Turidomus möchte die Siedlung langfristig behalten und engagiert sich für eine achtsame Weiterentwicklung, die auf den vielfältigen Wohn- und Freiraumqualitäten aufbaut und diese weiterführt.
Das Projekt zur Weiterentwicklung entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen der Anlagestiftung Turidomus, dem Gemeinderat und der Primarschulpflege von Winkel und berücksichtigt die verschiedenen Bedürfnisse der Eigentümerin, der Gemeinde und der Primarschule.
Ein gemeinsam erarbeitetes Entwicklungsleitbild bildet alle Leitgedanken der Gesamterneuerung der Siedlung Tüfwis räumlich ab. Es ist das Ergebnis der Gespräche unter den Projektbeteiligten und stellt die Grundlage mit Gestaltungsspielraum für die weiteren Planungsschritte dar.
Die Anlagestiftung Turidomus und der Gemeinderat von Winkel sind im März 2015 gestützt auf das Entwicklungsleitbild für die Siedlung Tüfwis darüber eingekommen, dass sich die Entwicklungsabsichten für das Areal nur mit einer Teilrevision der Nutzungsplanung der Gemeinde realisieren lassen. Durch den Erlass von Sonderbauvorschriften für die Quartiererhaltungszone in der Bau- und Zonenordnung wurde eine teilweise Neubebauung des Gebietes einerseits sowie eine Verdichtung nach Innen andererseits ermöglicht.
Die Anlagestiftung Turidomus, vertreten durch die Pensimo Management AG, hat Planwerkstadt AG mit der Ausschreibung und Durchführung eines Projektwettbewerbs auf Einladung beauftragt, um Projektvorschläge für die bauliche Gesamterneuerung der Wohnsiedlung Tüfwis in der Gemeinde Winkel zu erhalten.
Übergeordnete Vorgaben
Die Anlagestiftung Turidomus hat in Zusammenarbeit mit der Gemeinde ein Entwicklungsleitbild erarbeitet, welches die gemeinsamen Leitgedanken der Entwicklung abbildet und somit auch die Ausgangslage für den Projektwettbewerb darstellt.
Folgende Überlegungen des Entwicklungsleitbildes waren für den Projektwettbewerb zentral:
• Der grosszügige Freiraum inmitten der Siedlung als grosse Qualität und Eigenheit der Siedlung soll erhalten werden.
• Durch den Ersatz der Blocks B-F und den Erhalt des Blocks A soll eine Gesamtform entwickelt werden, die am bestehenden Siedlungsmuster anknüpft.
• Es sollen die Voraussetzungen für zwei Pflegewohngrupppen und eine Kita geschaffen werden.
• Der bestehende Kindergarten soll durch einen Dreifach-Kindergarten mit Hort mit Standort östlich der Spichergasse im südlichen Bereich des Perimeters ersetzt werden.
Empfehlung
Nach eingehender Gewichtung aller Aspekte empfiehlt das Preisgericht der Ausloberin das Projekt «ouroboros» des Teams Zita Cotti Architekten AG, Zürich, und koepflipartner Landschaftsarchitekten BSLA, Luzern, unter Berücksichtigung der nachfolgenden Projektkritik zur Weiterbearbeitung und Ausführung. Das für die Weiterbearbeitung ausgewählte Projekt leistet einen sehr wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte der qualitätsvollen Innenentwicklung im Bestand.
Beschriebe der rangierten Projekte
ouroboros (1. Rang, 1. Preis: Zita Cotti Architekten)
Ausgehend vom Bestand suchen die Verfassende von «ouroboros» nach einer Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts. Vier Neubauten, in Höhe und Flucht gestaffelt, formieren sich zusammen mit dem Altbau zu einer Gesamtfigur, die sich um einen zentralen Freiraum gruppiert. Der Altbau wird aufgestockt, um die volle Ausnützung zu erreichen, aber auch, um volumetrisch Schritt zu halten.
Entgegen der ursprünglichen Setzung (Öffnung zur Landschaft), entsteht ein neuer, klar artikulierter Siedlungsrand. Durch die Stellung der Bauten und den grosszügigen Abstand zur Tüfwisstrasse entfaltet sich diese Kante zurückhaltend und beinahe beiläufig. Das Vorgelände ist grosszügig, um den EG-Wohnungen Privatsphäre zu gewährleisten und um mit Bäumen und Vegetation trotzdem einen landschaftlichen Bezug aufzubauen. Auch die übrigen Ränder reagieren vorwiegend mit der Vegetation auf die jeweilige Situation, wodurch sich die Siedlung gut in die Nachbarschaft integriert.
Die Stellung der Gebäude zueinander deutet zwei hofartige, grosszügige Räume an, die sehr gut miteinander interagieren und eine schlüssige Gesamtfigur hervorbringen. Die Formgebung, die Wegeführung und der Umgang mit Topografie und Vegetation führt zu einem einheitlichen Gesamtbild. Auf selbstverständliche Weise sind verschiedene Plätze, Spiel- und Aufenthaltsbereiche eingeschrieben. Der Durcharbeitungs- und Detaillierungsgrad ist hoch und aussagekräftig und vermittelt ein sehr gutes Bild, was sich auch darin äussert, dass die Arbeit ohne Visualisierungen auskommt! Die Defizite und Konflikte der bestehenden Anlage werden weitgehend ausgeräumt und es entsteht ein vielfältiges Angebot an Nutzungen, Teilräumen und Aufenthaltsqualitäten.
Die Spichergasse wird durch sanfte Anpassungen in die Gesamtfigur integriert. Mit präzisen Massnahmen wandelt sie sich von der gewöhnlichen Quartierstrasse zur offenen Begegnungsfläche. Der Wechsel vollzieht sich folgerichtig da, wo die Gebäude die Torsituation formulieren. Die Besucherparkplätze und die Zufahrten zu den Tiefgaragen befinden sich noch ausserhalb der «Begegnungszone», was den Verkehr im Siedlungsinnern auf das notwendige Minimum reduziert. Das Wegnetz ist feingliedrig und ermöglicht die barrierefreie Erschliessung sämtlicher Eingänge.
Die Arbeit zeichnet sich durch Klarheit und Zurückhaltung aus, was sich in den Grundrissen deutlich wiederspiegelt. Alle Wohnungen profitieren von zwei Expositionen, indem sie entweder durchgesteckt oder über Eck organisiert sind. Jede Einheit partizipiert dadurch am zentralen Freiraum und am angrenzenden Siedlungs- oder Landschaftsraum. Die Grundrisse folgen unabhängig von der Wohnungsgrösse einem ähnlichen Organisationsprinzip, wodurch der Entwurf eine grosse Einfachheit und Übersichtlichkeit erhält und bei dem die Wohnungen sehr kompakt und rationell organisiert sind. Die Wohnbereiche sind meistens etwas kleiner gehalten, zu Gunsten einer grosszügigen Wohnküche. Beide Einheiten gehen fliessend ineinander über, entweder über die Diagonale oder als Kontinuum. Wahlweise kann ein drittes Zimmer in diese Raumfolge integriert werden, wodurch die Wohnungen mit einfachen Massnahmen den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden können. In der Materialisierung sind die Wohnungen angenehm zurückhaltend ausgestaltet.
Die Pflegewohnungen befinden sich im Gebäude am südlichen Rand der Siedlung und sind ebenerdig zugänglich. Die Grundrissorganisation mit den langen Erschliessungswegen kann hingegen nicht überzeugen.
Der Kindergarten erfüllt die Anforderungen gemäss Raumprogramm, es wird sogar eine mögliche Erweiterung um zwei Einheiten aufgezeigt. Die vorgeschlagene Konstruktion in vorfabriziertem Holzbau überzeugt.
Das Projekt wird konsequent aus dem Bestand heraus entwickelt und zeichnet sich durch einen umsichtigen, ressourcenschonenden Umgang aus. Durch die Kompaktheit erfüllt das Projekt die energetisch-ökologischen Anforderungen recht gut, die hohe Effizienz der Grundrisse sowie der positive Formquotient «Gebäudehülle zu Geschossfläche» ermöglichen ein wirtschaftliches Projekt. Der Städtebau überzeugt durch seine unaufgeregte, beinahe selbstverständliche Setzung und die daraus resultierende neue Gesamtfigur. Die Freiräume zeichnen sich durch den geschickten Umgang mit Topografie und Vegetationsformen aus, die schlüssig zur Zonierung des Areals eingesetzt werden. Das Wegenetz inklusive Spichergasse ist soweit barrierefrei angelegt, dass alle Zugänge und Bereiche im Aussenraum erreicht werden können. Die Wohnungsgrundrisse sind rationell und gut durchdacht und ermöglichen eine hohe Flexibilität. Insgesamt ist ouroboros ein sehr sorgfältig durchgearbeitetes und auf vielen Ebenen überzeugendes Projekt.
arlene (2. Rang, 2. Preis: Armon Semadeni Architekten)
Die Verfassenden von «arlene» beziehen sich auf die vorhandene Bebauungsstruktur mit dem grossen zur Landschaft hin orientierten Freiraum und der volumetrischen Ausbildung der bestehenden Gebäude. Sie beabsichtigen, trotz der Verdichtung diesen Charakter aufrechtzuerhalten. Dazu definieren Sie einen Betrachtungsperimeter, der sich vom bestehenden Bau bis zur Hungerbüelstrasse erstreckt und die benachbarte Bebauung im Osten mit einbezieht. Westlich und östlich der Spichergasse werden vier neue Baukörper gesetzt, die trotz einer etwas grösseren Bautiefe sich in ihrer Volumetrie und ihrer Höhenentwicklung auf den Bestandesbau beziehen. Die gesamte Ausnützung wird in den Neubauten konsumiert, auf eine Aufstockung wird verzichtet. Der Kindergarten in einer einfachen kubischen Ausbildung bildet den Abschluss. Durch die Stellung der Bauten entstehen ein grüner Hofraum und ein Strassenraum, welche beide einen starken Bezug zur Landschaft aufweisen...
Insgesamt leistet das Projekt einen wertvollen Beitrag in der Diskussion des städtebaulichen Ansatzes. Zudem beeindruckt es in der Vielfalt und in der Bearbeitungstiefe der Wohnungsgrundrisse. Die in den Augen des Preisgerichts falsch gewählte Adressierung der östlichen Gebäude und der nicht bewältigte Übergang der Erdgeschosswohnungen in den Freiraum schwächen jedoch den Entwurf wesentlich.
crucis (3. Rang, 3. Preis: Menzi Bürgler Architekten)
Beinahe würde man vermuten, dass die «SWISS« als Nachfolgerin der «Swissair» das Projekt «crucis» zusammen mit den Verfassenden entwickelt hat. Städtebaulich lehnt sich das Projekt nämlich sehr stark an die bestehende Siedlung an. Bei der Setzung der Kuben wurde darauf geachtet, dass die Durchlässigkeit nach Süden zur Landschaft hin grosszügig ausfällt und die gestaffelten Volumen sich gut ins abfallende Gelände einpassen. Die Ausformulierung der Kopfbauten im Projekt «crucis» erscheint jedoch zu schwach und wird dem Anspruch eines Gebäudeabschlusses hin zur Quartierstrasse sowie hin zur offenen Landschaft nicht gerecht. Die mehrheitliche Ausrichtung der Gebäude nach Südwesten und die, durch Abstufungen gegliederten Fassaden versprechen gute Aussicht und Besonnung der Wohnungen. Bei sämtlichen Wohngebäuden würden jedoch sekundäre, in der Treppenflucht liegende Ausgänge, die unterschiedlichen Siedlungsräume besser vernetzen. Die Verfassenden schlagen vor, die vier- und fünfgeschossigen Bereiche des Blocks A jeweils um ein Geschoss aufzustocken...
Der Beitrag orientiert sich städtebaulich geschickt am Bestand und schafft es, die Gebäude unter Berücksichtigung von grosszügigen Aussenräumen in der Topografie zu verankern. Die Wohnungen sind architektonisch und funktional gut gelöst und bieten eine grosse Flexibilität. Der Ausdruck der Siedlung ist schwer fassbar und kann nicht ganz überzeugen. Insgesamt ein seriöser und sorgfältig ausgearbeiteter Beitrag.
(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)