Erweiterung Bezirksgericht Meilen
Offenes Verfahren
117 Untere Bruech, 8706 Meilen
Publikationsdatum
17.05.2016
Auftraggeber
Hochbauamt Kanton Zürich
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Astrid Staufer (Architektin BSA SIA, Staufer & Hasler Architekten AG),
- Andreas Schweizer (Architekt ETH SIA, Felber Widmer Schweizer Architekten AG),
- David Vogt (Architekt ETH/SIA, Abteilungsleiter Hochbaumt (Vorsitz)),
Sachrichter
- Barbara Schärer (Vizepräsidentin Bezirksgericht Meilen),
- Jörg M. Stoll (Leiter Portfoliomanagement, Immobilienamt),
Wettbewerbsresultat
Planungsaufgabe
Ziel des Wettbewerbs ist es, Lösungsvorschläge für einen Neubau zur Erweiterung des Bezirksgerichts auf dem Areal des heutigen Parkplatzes zu erhalten. In einem Neubau sollen die öffentlichen Funktionen des Bezirksgerichts (Empfang und Kasse, Gerichtssäle, Besprechungszimmer, etc.) untergebracht werden. Die im Raumprogramm geforderten Flächen sind städtebaulich, architektonisch, betrieblich und wirtschaftlich optimal anzuordnen. Dabei sind auch die Aspekte der Sicherheit und der Privatsphäre im Gerichtsalltag zu berücksichtigen, damit Verhandlungen reibungslos und sicher durchgeführt werden können. In der bestehenden Bezirksanlage verbleiben damit die Büronutzungen des Gerichts. Der Neubau und die Bestandgebäude sollen über einen unterirdischen Durchgang miteinander verbunden werden.
Empfehlung
Das Preisgericht empfiehlt der Veranstalterin einstimmig, die Verfassenden des Projektes 06, Kennwort Friedberg, unter Berücksichtigung der in der Projektbeschreibung festgehaltenen Kritik mit der Weiterbearbeitung der Bauaufgabe zu beauftragen. Das Projekt ist demnach hinsichtlich der Platzverhältnisse im Eingangsbereich, der Orientierung in den Obergeschossen und in brandschutztechnischen Aspekten noch zu optimieren.
Beschriebe der rangierten Projekte
Friedberg (1. Rang, 1. Preis)
Das Projekt Friedberg organisiert seine Nutzungen in einem kompakten, dreigeschossigen Baukörper, der zunächst an einen Würfel erinnert. Mittels äusserst differenzierter Volumengliederung reagiert dieser aber auf seine Nachbarschaft, indem er einerseits teilweise deren Fluchten aufnimmt, und andererseits durch die Kompositionen von ineinander verschränkten kleineren Quadern, wie sie in ihren Ausmassen und Proportionen quartiertypisch sind. Die Kompaktheit und die geschickte Situierung im Südwesten der Parzelle schafft die Fläche für einen attraktiven Aussenraum – aufgespannt zwischen den Zugängen zum Bestandesbau sowie zur Gerichtserweiterung. Dabei werden Passanten bzw. Nutzer des Gerichts auf eine elegante und selbstverständliche Art entlang dem Gebäude bis zum Eingang geführt und gelenkt. Der Baukörper schafft sehr selbstverständlich eine neue Adresse und den neuen Schwerpunkt für die gesamte Bezirksanlage...
Der Projektvorschlag Friedberg zeigt auf, wie den Ansprüchen an ein würdevolles Bezirksgericht auf erstaunlich elegante und atmosphärische Art entsprochen werden kann. Er berücksichtigt die Ansprüche an Repräsentanz ohne in übertriebene Machtdarstellung zu verfallen. Die geschickte Situierung bietet auch die Möglichkeit für eine spätere Erweiterung. Die ausserodentlich präzise und spezifische Umsetzung des Raumprogramms und der funktionstypischen Abläufe gibt dem Projektvorschlag den Charakter eines Massanzuges: Alles sitzt perfekt, befindet sich am richtigen Ort und verfügt über den passenden Ausdruck.
Aequilibrium (2. Rang, 2. Preis)
Die gleichmässige Setzung des dreigeschossigen Volumens in der Breite, auf die nördliche Bauline gesetzt, schafft einen direkten räumlichen Bezug zur bestehenden Anlage. Das strassenseitig eingezogene Erdgeschoss bietet dem Gerichtsgebäude einen angemessenen, eleganten Eingangsbereich und dem Nutzer einen selbstverständlichen gedeckten Zugang. Der Aussenraum ist wohltuend minimal gestaltet und setzt mit der Gerichtslinde einen überraschenden Akzent.
Die Position des Eingangs zwischen den Parkplätzen ist wenig prägnant. Die in der Überarbeitung vorgeschlagene Schliessung des vorher transparenten Erdgeschosse und die Umbildung in eine Lochfassade stärken das architektonische Konzept aber nicht...
Den Verfassern von aequilibrium gelingt es, ein gut organisiertes Konzept konsequent in ein grosszügig anmutendes Gerichtsgebäude umzusetzen. Für die funktionalen und betrieblichen Anforderungen wird wohldurchdacht ein eigenständiger Ausdruck entwickelt. Die vorgeschlagenen Massnahmen in der Überarbeitungsstufe zur Klärung des statischen und strukturellen Konzepts vermochten das Preisgericht letztendlich aber nicht zu überzeugen.
Balzac I (3. Rang, 3. Preis)
Das überzeugendste Merkmal dieses Projektvorschlages ist seine massgeschneiderte Kubatur, die sich wohlproportioniert und mit schönen Aussenräumen in den doch recht heterogenen und weithin kleinmasstäblichen Kontext einfügt. Insbesondere im Situationsmodell überzeugt diese sensible Integration in hohem Masse. Fast etwas spröde wirken auf dem vorliegenden Stand hingegen sowohl die Umgebungsals auch die Fassadengestaltung: Erstere leidet etwa unter der Tatsache, dass seitlich vor dem Eingang viele Parkplätze untergebracht werden müssen, die auch einer späteren Erweiterung im Wege stünden. Hinsichtlich Fassadengestaltung wird die materialmässige Anlehnung an den benachbarten Bestand zwar geschätzt, der Ausdruck würde aber als zeitgemässe und repräsentative Interpretation durchaus etwas mehr Frische vertragen...
Zusammenfassend handelt es sich bei Balzac I um einen vor allem im Situationsmodell sehr stimmigen Vorschlag, der in seiner räumlich-organisatorischen Anordnung überzeugt, hinsichtlich Umgebungsgestaltung, äusserem Ausdruck und innerer Atmosphäre auf der vorliegenden Basis aber noch ein gewisses Verfeinerungspotential aufweist. In seiner Grundhaltung wird der Vorschlag durch seine repräsentative Bescheidenheit aber der Anforderung eines dem Ort und der Aufgabe angemessenen institutionellen Gefässes auf selbstverständliche Weise gerecht.
Balance (4. Rang, 4. Preis)
Als niedriger, ausgreifender Baukörper installiert sich der neue Gerichtsbau selbstverständlich im Quartier: Durch feine Massnahmen zeichnet er sich als eigenständiger öffentlicher Baustein aus. So wird der Horizontalität seiner Proportionierung die Vertikalität seiner umlaufenden, aber unterschiedlich hohen Schlitzfenster entgegengestellt, welche den dahinterliegenden Nutzungen eine massive und repräsentative, gleichzeitig aber auch einfache und raffiniert durchgearbeitete Hülle aus Backstein verleihen. Der Vorplatz aus flächigem Tessiner Gneis legt dieser Öffentlichkeit in der durchgrünten und mit Vorgärten besetzten Umgebung respektvoll einen Teppich aus; die neue Gerichtslinde formt einen bescheidenen, aber symbolischen Auftakt...
Insgesamt gelingt es dem Projekt im breiten Quervergleich auf überraschende, ja fast leichtfüssige Weise, der anspruchsvollen Aufgabe mit wenigen und einfachen, aber sehr präzisen Setzungen eine synergetische Raum- und Nutzungsstruktur abzugewinnen. Die Anordnung aller Gerichtssäle auf einer Ebene mit einem einzigen Vorbereich wird aber für den Gerichtsbetrieb bei hohem Publikumsaufkommen als problematisch betrachtet.
Seiner Bedeutung als Bezirksgericht wird es im Ausdruck auf bescheidene und gleichzeitig würdevolle Weise gerecht, bleibt aber im Kontext der gemischten Überbauung mit den Bauten der Bezirksanlage und den angrenzenden Wohnhäusern doch etwas fremdartig.
To Kill a Mockingbird (5. Rang, 5. Preis)
Als prägnanter Kontrapunkt zur bestehenden Gerichtsanlage integriert sich der dreigeschossige Punktbau selbstverständlich und dennoch angenehm zurückhaltend in die bestehende Quartierstruktur. Die Setzung des präzis geschnittenen Volumens schafft einen angemessenen Vorplatz in hellem Ortbeton und zurückhaltender Gestaltung, welcher zwischen bestehendem und neuem Gebäude vermittelt und dem Gerichtsgebäude einen würdigen Auftritt verschafft. Die Fassade gegen die Untere Bruech vermag nicht in derselben Weise auf die Nutzung und die öffentliche Bedeutung des Gebäudes verweisen, wie dies die anderen Fassaden leisten. Eine Erweiterung der Anlage mittels eines weiteren Solitärbaus ist denkbar...
Das Projekt To Kill a Mockingbird liefert eine gut durchdachte konzeptionelle Antwort auf die Fragestellung nach einer kompakten dreigeschossigen Lösung und findet ein gutes Gleichgewicht zwischen eigenständigem Ausdruck, öffentlichem Gebäude und quartierverträglichem Volumen. Das Zusammenspiel von innerer Struktur und äusserem Ausdruck insbesondere auf der Nordseite gegen die bestehende Bezirksanlage hin erscheint aber wenig kongruent und vermag schlussendlich nicht vollends zu überzeugen.
Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht