Ersatzneubauten der Wohnsiedlung Aarau-Rohr
Offenes Verfahren
6B Im Fuchswinkel, 5032 Aarau Rohr
Publikationsdatum
16.08.2013
Auftraggeber
Graphis
SIA 142
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Martin Erny (Architekt BSA/ETH/SIA, Basel),
- Philipp Esch (Architekt BSA/ETH/SIA, Zürich),
- Felix Fuchs (Architekt BSA/ETH/SIA, Stadtbaumeister Aarau),
- Ivo Moeschlin (Architekt ETH/SIA/KUB, Zürich),
- Jakob Steib (Architekt BSA/ETH/SIA, Zürich),
Sachrichter
- Beat Aberegg (Präsident Graphis, Vorsitz Jury),
- Heinz Berger (Direktor Graphis),
- Michael Tschofen (Architekt Graphis),
- Fritz Wälchli (Verwaltungsrat Graphis),
Wettbewerbsresultat
Die Bau- und Wohngenossenschaft Graphis untersuchte 2011 ihren Gebäudebestand. Wenig überraschend kam die 1945 gegründete Genossenschaft zu dem Schluss, dass sie eine beachtliche Bugwelle an Investitionen vor sich her schiebt: 77% ihrer Gebäude wurden vor 1960 erstellt, 15% zwischen 1960 und 1990, und lediglich 8% datieren nach 1990.
Ein Streifzug durch die Homepage der Genossenschaft offenbart, in welcher Art von Gebäude die 1280 Wohnungen hauptsächlich stecken: im Urtyp des Schweizer Siedlungsbaus der Nachkriegszeit – den in schlanken Zeilen angeordneten Mehrfamilienhäusern mit Satteldach. Lediglich in Genf verwaltet sie einige Scheibenhochhäuser.
Lange Zeit boten die Zeilensiedlungen Platz für die Familien der Nachkriegszeit. Doch heute sind die Wohnungen zu klein und werden in der Regel von Einzelpersonen oder Paaren gemietet. Die von der Genossenschaft angestrebte Durchmischung kann nicht mehr erreicht werden. Zudem verbrauchen die ungedämmten Gebäude viel Heizenergie. Die Substanz ist einfach, aber meistens gut erhalten. Kurzum: Niemand weiss, was mit dieser Art von Siedlung geschehen soll. Im Kleinen spiegelt sich im Gebäudepark der Graphis das Dilemma des gesamten Mittellands wider.
Die Baugenossenschaft hat sich entschlossen, einige ihrer Siedlungen durch Neubauten zu ersetzen, und führt dazu offene Wettbewerbe durch. In Aarau sollten auf einer Parzelle von knapp 6000m2 Grösse drei längere und drei kurze Zeilen durch eine markant dichtere Siedlung ersetzt werden. Im Moment ist eine Ausnutzungsziffer von 0.79 erlaubt – im Verfahren musste jedoch eine Erweiterung nachgewiesen werden, bei der die Quote gegen 1.0 strebt. Die Graphis hat aus ihrer Geschichte gelernt und wappnet sich von Beginn an gegen mögliche Veränderungen auf dem Markt.
Das Siegerprojekt setzte sich unter 70 Konkurrenten durch. Welche Antworten findet es, um das Portfolio der Genossenschaft zu erneuern? Die Arbeitsgemeinschaft Jürgensen Klement Leimgruber präsentiert überraschend schlanke Baukörper. Mit nur 9.4m Tiefe widersetzten sich die Zürcher Architekten dem Trend zu massigen Volumen, die zwar energetisch punkten, dafür aber dunkle und gefangene Räume zur Folge haben.
Die Grundrisse nutzen die schlanken Baukörper optimal: Die Wohnungen haben keinen Gang. Lediglich die Badezimmer weisen einen kleinen Vorraum auf, über den die Zimmer erschlossen sind. In nahezu japanischer Manier folgt in den Wohnungen ein Zimmer dem anderen. Das bringt Überraschungen mit sich, denn mit dem Korridor haben die Gewinner auch das Entrée eliminiert.
So betritt man einige Wohnungen direkt über die Küche, bei anderen landet man nach der Haustür im Wohnzimmer. Dies ist ein Wagnis und entspricht so gar nicht den vermeintlich unverrückbaren Gesetzmässigkeiten im Wohnungsbau. Das Siegerprojekt zeigt einen Kniff, um nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen: Grosszügige Plattformen um die fünf Treppenhäuser herum werden als mehr oder weniger private Aussenräume genutzt. Die Wohnung beginnt somit bereits auf der Terrasse. Ein spannendes und in der Praxis schon mehrfach erprobtes Konzept, das die Nachbarn einander näher führt.
Der erfrischend geistreich verfasste Erläuterungstext zum Projekt spricht davon, dass «die Siedlung ein Gegenentwurf zur umgebenden Welt des Privaten [ist], ohne aber diesen Kontrast explizit zu betonen». Das muss man mögen. Die Treppenhäuser spielen auch für die Grossform eine entscheidende Rolle. Sie bilden die Nahtstellen zwischen den fünf Volumen und fügen sie zu einer schlüssigen Figur, die sich wohltuend vom Einheitsbrei abhebt. Auch hier bringt es der Jurybericht genau auf den Punkt: «Wer hier wohnt, nennt als seine Adresse die Siedlung Quellengarten und nicht Aarau/Rohr.»
Mit der neuen Siedlung trägt die Baugenossenschaft dazu bei, ihr Profil zu erneuern und zu schärfen. Und bietet Raum für unterschiedliche Lebensformen. Vielleicht geht die Begeisterung der zukünftigen Bewohner noch weiter – wer hier wohnt, nennt als Vermieterin nicht einfach eine Genossenschaft, sondern die Graphis.
Marko Sauer Architekt, Korrespondent TEC21