Ersatzneubau Wohnhaus Rotbuchstrasse
Einladungsverfahren
77 Rotbuchstrasse, 8037 Zürich
Publikationsdatum
26.06.2017
Auftraggeber
MBGZ Mieter-Baugenossenschaft
Galerie
Auftraggeber & Jury
Wettbewerbsresultat
Ausgangslage
Das Mehrfamilienhaus an der Rotbuchstrasse 77 / 79 in Wipkingen weist Instandsetzungsbedarf auf und soll durch einen Neubau ersetzt werden. Der Wohnungsspiegel (3- und 3½-Zimmer-Wohnungen) entspricht nicht mehr heutigen Ansprüchen an Familienwohnungen. Um Vorschläge für den Neubau zu erhalten, hat das Amt für Hochbauten im Auftrag der Mieter-Baugenossenschaft Zürich einen anonymen, einstufigen Projektwettbewerb auf Einladung durchgeführt. Für das Verfahren galt die SIA 142 Ordnung für Architektur- und Ingenieurwettbewerbe.
Empfehlungen
Das Preisgericht empfiehlt der Mieter-Baugenossenschaft Zürich das Projekt «La Tulipe» der beiden Architektinnen Liliane Haltmeier und Luise Kister aus Zürich unter Berücksichtigung der Projektkritik weiter zu bearbeiten. Im Rahmen der weiteren Projektierung sollen insbesondere die folgenden Punkte geklärt und weiterbearbeitet werden:
– Die städtebauliche Einbindung in die übergeordnete Hofrandbebauung soll durch eine Überarbeitung der Volumetrie verbessert werden.
– Die Dachform ist bezüglich ihrer Gesamtform (Übergang Sattel- und Flachdach) sowie hinsichtlich ihrer baurechtlichen Konformität zu überprüfen.
– Der vorgeschlagene Gemeinschaftsraum wird von der Bauherrschaft geschätzt. Er soll noch besser zum hofseitigen Garten hin geöffnet werden.
– Die wohnungsinternen Erschliessungsflächen sollen hinsichtlich ihrem Gebrauchswert und ihrer Möblierbarkeit weiterentwickelt werden.
Fünf Projekte
1. Rang «La Tulipe» (Haltmeier Kister Architektur)
Das Projekt fügt sich selbstverständlich entlang der Rotbuchstrasse ins Quartier ein. Der Übergang von der Strasse zum Wohnhaus wird mit einem quartiersüblichen von einer Gartenmauer begrenzten Vorgarten ausgebildet. Durch die Verwendung von ortstypischen architektonischen Elementen passt sich das Haus in seiner Erscheinung in den Kontext ein und erhält eine entsprechende Massstäblichkeit. Zwei überhöhte Eingänge rhythmisieren den Baukörper und sind adressbildend. Nebst den vorgefundenen Bauelementen finden sich moderne Elemente wie grössere Fenster, das Schrägdach und die Stirnfassade, die dem Projekt einen zeitgemässen Ausdruck verleihen.
Die Dachneigung muss entsprechend den baugesetzlichen Vorgaben überarbeitet werden, was Auswirkungen auf die Stirnfassade sowie die Dachwohnungen haben wird. In diesem Zusammenhang bietet sich den Verfassenden die Möglichkeit, den Dachverlauf (Übergang Schrägdach zu Flachdach), die Grundrisse der Dachwohnung sowie die Stirnfassade nochmals zu überprüfen. Der seitliche Übergang von der parallel zur Strasse verlaufenden Fassade zur Hoffassade mit den Übereck verlaufenden Balkonen ist gut gelöst. Auf der Hofseite fächert sich das Volumen auf und schafft dadurch einen Blickbezug in den grünen Hofraum sowie optimal besonnte Aussenräume. Die grosszügigen Balkone verbreitern das Volumen, was den Hof an seinem westlichen Ende verschmälert und viel Raum beansprucht.
Es werden mehrheitlich Familienwohnungen angeboten. Die beidseitig orientierten Wohnungen öffnen Blickbezüge sowohl zur städtischen Rotbuchstrasse wie auch in den Hof. Mit einer grossen Wohnküche sowie einem Zimmer zur Strasse hin wird der Strassenraum belebt. Die Grundrisse der Wohnungen mit durchfliessendem Wohnbereich sind in der Mitte beim Eingang durch eine Ausweitung gut zoniert. Die Zimmer sind orthogonal, leicht zu möblieren und flexibel nutzbar. Die grossen, privaten Aussenräume erweitern den Wohnraum und bieten verschieden nutzbare Bereiche, was die Angliederung einzelner Zimmer zum Balkon hin ermöglicht. Die beiden Treppenhäuser sind ins Gebäudeinnere gelegt. Sie werden von oben belichtetet und im Gartengeschoss zu einem gemeinsamen Erschliessungsraum verbunden. Die Treppenhäuser sind Begegnungsorte von hoher Qualität. Im Gartengeschoss befindet sich die Waschküche, die auch als Gemeinschaftsraum genutzt werden kann. Mit einer grösseren Öffnung zum Garten hin könnte der Raum heller und öffentlicher werden und somit einen grösseren Bezug zum Aussenraum erhalten.
Die Umgebungsgestaltung ist sorgfältig und reagiert auf den unterschiedlichen Hausseiten angemessen und ortsspezifisch. Das Haus ist in seiner Kompaktheit ökonomisch und weist zudem gute energetische Werte aus. Insgesamt überzeugt das Projekt durch seinen architekto-nischen Ausdruck an der Rotbuchstrasse sowie mit gut organisierten und ansprechenden Wohnungsgrundrissen.
2. Rang «Babar» (Nimbus Architekten)
Mit klarer Geste und prägnanter Form reagiert das Projekt auf die Lage am Rande des Hofraums. Das Gebäude verläuft parallel zur Strasse, die innere Struktur hingegen richtet sich diagonal dazu aus. Der gestaffelte Baukörper wirkt im Strassenbild der Rotbuchstrasse fremd. Was auf dem Plan forciert erscheinen mag, überzeugt beim Augenschein vor Ort. Denn das Gegenüber im engen Hof ist wenig attraktiv, die Qualität liegt vielmehr im Blick in die Längsachse des Grünraums. Dieser Ausrichtung folgen auch die Wohnungsgrundrisse und loten mit durchgehenden Wohnräumen die Bautiefe aus. Die Wohnlichkeit der wenig definierten Mitte wird kontrovers diskutiert: ist die schwach belichtete Mitte eher Restfläche oder frei bespielbarer Kern der Wohnung? Die Balkone richten sich auf die Tiefe des Hofs aus; die geschlossene Aussenwand der Nachbarwohnung schützt vor Einsicht, führt aber zu kleinen Fenstern im Hofzimmer. Das Projekt überzeugt mit einem klaren Konzept, kann aber dessen Nachteile nicht ganz aufwiegen.
3. Rang «Pony Hütchen» (Jürgensen Klement Architekten)
Das Projekt agiert mit einer klaren Haltung zur Strasse hin. Die wohl proportionierte, fein ausgearbeitete Fassade baut über ihre Gliederung und die Küchenerker eine Beziehung zur Nachbarschaft auf. Leider verstösst das oberste Geschoss gegen das Baurecht und würde bei einer Überarbeitung das Projekt wesentlich verändern. Mit dem Besetzen des Hofs verkleinert sich nicht nur der gemeinsame Garten. Auf Kosten einer sehr guten Wohnung im Hof, verschlechtert sich auch die Situation der übrigen Wohnungen, teilweise in Bezug auf die Belichtung oder auf das Verstellen des Blicks in die Tiefe des grünen Nachbarhofs. Die Überbauung der Tiefgarage ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Die Wohnungen sind auf sehr hohem Niveau entwickelt und sorgfältig ausgearbeitet. Hervorzuheben sind die guten Proportionen der Räume und die Badezimmer mit Fenstern, dagegen wird die Möblierbarkeit der Wohnzimmer teilweise in Frage gestellt.
4. Rang «Wipkingerhaus» (Bosshard Vaquer Architekten)
Das Volumen passt sich gut in die Situation ein, mit kleinen Tiefenversätzen wird die Krümmung der Strasse aufgenommen. Mit der symmetrischen Fassade wird ein quartierstypisches Element eingefügt, die Ausbildung der Mittelzone mit einem sehr hohen Glasanteil wird in Bezug auf die Quartiersverträglichkeit stark in Frage gestellt. Im Innern des Blockrands bietet das aufgefächerte Volumen fast allen Wohnungen einen schönen Blick in die Tiefe des Hofs. Dieses Auffächern löst in den Wohnungen eine lebendige Disposition aus, die unruhig und teilweise beliebig wirkt. Die Möblierbarkeit bleibt trotz Nachweis fragwürdig. Die Belichtung der Wohnzimmer bei den mittleren Wohnungen, wie auch der Esszimmer bei den äusseren Wohnungen ist zu knapp. Dagegen gefallen die an der Fassade liegenden Küchen mit angrenzendem Essbereich, die Ateliers mit Verbindung zu den Hofwohnungen sowie die Gartenhalle im Tiefparterre.
5. Rang «Durch und durch» (Zinsli Magdeburg Architekten)
Die Projektverfassenden schlagen einen symmetrischen Baukörper vor. Dem ist grundsätzlich nichts entgegenzuhalten. Dass die Symmetrie aber trotz unterschiedlicher Ausrichtung an den Stirnseiten des Doppelhauses keinerlei Reaktion erfährt, erscheint schematisch. Die gegliederte repräsentative Strassenfassade verweist auf die Nachbarschaft, das quartierstypische Schrägdach über den Treppenhäusern wirkt durch seine Zerstückelung aber fremd. Die Geometrie der Wohnungsgrundrisse vermag nicht zu überzeugen. Der konische Zuschnitt der durchgehenden Wohnräume wirkt forciert und wenig wohnlich, durch die fassadenseitige Verbreiterung der Treppenhäuser verliert der Essbereich zudem kostbare Fläche. Die eingezogenen Balkone schaffen eine private Atmosphäre, verdunkeln aber die Wohnräume im tiefen Baukörper. Die an sich schöne Idee, die Wohnungen auf die Gartenseite hin zu öffnen, wird durch die Geometrie eher eingeengt als unterstützt.
(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)