Brisgi-Areal Baden
Selektives Verfahren
20 Im Brisgi, 5400 Baden
Publikationsdatum
29.11.2016
Auftraggeber
Wohnbaustiftung Baden
SIA 142
Galerie
Auftraggeber & Jury
Fachrichter
- Ursina Fausch (dipl. Architektin ETH SIA, Aarau / Zürich),
- Ingo Golz (Master of Landscape Architecture MLA BSLA, SIA, REG A, Wettingen),
- Jakob Steib (dipl. Architekt ETH BSA, Zürich),
- Barbara Neff (dipl. Architektin ETH SIA BSA, Zürich),
Sachrichter
- Geri Müller (Stiftungsrat Wohnbaustiftung Baden, Stadtammann Baden),
- Andreas Hofer (Stiftungsrat Wohnbaustiftung Baden, archipel Planung und Innovation, Zürich),
- Pascal Roth (Stiftungsrat Wohnbaustiftung Baden, André Roth AG, Baden),
Wettbewerbsresultat
Eine der letzten grossen Baulandreserven der Stadt
Das Brisgi-Areal ist Teil des Badener Quartiers Kappelerhof. Mit einer Fläche von 6.5 ha bildet das Areal eine der letzten grossen Baulandreserven der Stadt. Angestrebt werden die Entwicklung des Areals selbst sowie die damit einhergehende Aufwertung des gesamten Quartiers Kappelerhof.
Um Bebauungsideen für das Areal zu generieren, hat die Eigentümerin, die Einwohnergemeinde Baden, 2012 ein Testplanungsverfahren durchgeführt. Auf Basis der Testplanungsergebnisse entstand Anfang 2014 ein Entwicklungskonzept. Für die Entwicklung des Areals ist die Wohnbaustiftung Baden verantwortlich, die eigens dafür im November 2012 gegründet wurde. Um ein qualitativ hochstehendes, massgeschneidertes Projekt und kompetente Partnerinnen und Partner für diese anspruchsvolle Aufgabe zu evaluieren, wurde ein einstufiger Projektwettbewerb nach SIA 142, Ausgabe 2009, durchgeführt.
Vom Barackendorf zum attraktiven Stadtquartier
Ab 1947 errichtete der Schweizer Elektrotechnikkonzern Brown, Boveri & Cie. (BBC) auf dem Brisgi-Areal Baracken für die Unterbringung von Gastarbeitern. In der Folge lebten ca. 1500 Männer auf dem Areal.
Anfang der 1960er Jahre wollte die BBC die Situation durch Neubauten verbessern. Der 1962 durchgeführte Wettbewerb sah ein völlig neues Quartier mit Hochhausbauten vor. Realisiert wurden aber nur die heute bestehenden Gebäude: ein 20-geschossiges Hochhaus im Zentrum nahe der Limmat und zwei 9-geschossige Gebäude im Westen des Areals. In der Folge ging das Areal an die städtischen Werke Baden über. Diese führten 1995 einen Ideenwettbewerb durch, der zur Ergänzung des Areals um Wohnbauten führen sollte − ein Vorhaben, das jedoch unrealisiert blieb.
Im Jahr 2004 wurde für das Quartier Kappelerhof eine umfassende Quartieranalyse mit partizipativer Beteiligung der Bevölkerung durchgeführt. Dabei kristallisierte sich die Entwicklung des Brisgi-Areals als eines der Schlüsselprojekte zur dauerhaften und nachhaltigen Aufwertung des gesamten Quartiers heraus.
In der Folge wurde die Entwicklung des Areals wieder aufgenommen, und 2012 führte die Stadt Baden als heutige Eigentümerin eine Testplanung durch, um die städtebaulichen Möglichkeiten auszuloten und die Grundlage für ein Entwicklungskonzept zu schaffen.
Empfehlungen
Das Preisgericht empfiehlt einstimmig das Projekt Kandalama zur weiteren Bearbeitung und zur Ausführung.
Dabei wird empfohlen, im Rahmen der weiteren Überarbeitung des Projektes insbesondere die nachfolgend aufgeführten Punkte zu überprüfen bzw. anzupassen:
- Die Zugangssituationen von der neuen Brisgistrasse zu den jeweiligen Clusterhöfen erscheinen mit ihren grossen Durchgangsbreiten und Höhendifferenzen übermässig monumental und sind insbesondere auch bezüglich Hindernisfreiheit noch nicht optimal gelöst.
- Im Gegensatz dazu ist die Erschliessung des Quartierplatzes zu Fuss und mit dem Velo eher unklar und steht im Konflikt mit derjenigen der einzelnen Cluster. Eine klare, eigenständige Erschliessungslösung wäre wünschenswert.
- Im Sockel-/Platzbereich der Cluster sollen flexibel nutzbare Räume in Abhängigkeit ihrer Lage für Wohn- oder Gewerbenutzung priorisiert werden.
- Die Zugänge von den Laubengängen zu den Wohnungen erfolgen teilweise sehr unvermittelt und exponiert und sollen zugunsten der Privatsphäre verbessert werden. Beim den östlichen Baukörpern ist der Laubengang auf der Westseite zu hinterfragen.
- Holzkonstruktionen und -fassaden sind auf ihre Tauglichkeit insbesondere bezüglich Feuerwehrzufahrten sowie Flucht- und Rettungswegen zu prüfen.
- Bei der Parkierung sind sowohl für Autos als auch für Velos Lösungen aufzuzeigen, um die jeweils geforderte Anzahl Abstellplätze zu erreichen.
Rangierte Projekte
Kandalama (1. Rang, Müller Sigrist, Meier Leder Architekten)
Die Verfassenden haben aufgrund ihrer Analyse einen überzeugenden Entwurfsgrundsatz gefällt. Nämlich, dass sie den Hang im Schnitt von der Brisgistrasse bis zur Ebene des Flussraumes in drei Stufen gliedern, um damit einen räumlichen Bezug vom Kappelerquartier bis zur Ebene am Flussraum zu schaffen. Der vorgeschlagenen Bebauung liegt diese Gliederung zu Grunde. Dem gemäss werden drei Gebäudegruppen mit jeweils drei gut gegliederten Baukörpern um eine platzartige Fläche angeordnet. Die Gebäudegruppen sind als Nachbarschaften aus einem Gebäude an der Brisgistrasse, einem Gebäude im Hang und einem Gebäude auf der Platzebene gebildet. Das Gebäude an der Brisgistrasse gibt der Nachbarschaft eine klare Adresse, wertet die Brisgistrasse auf und ermöglicht den barrierefreien Zugang. Diese Setzung nimmt Bezug zum Siedlungsgefüge auf der gegenüberliegenden Bahnseite und es wird gleichzeitig eine starke Einbindung in den Landschaftsraum geschaffen.
Die Erschliessung von der Brisgistrasse über einen gemeinsamen Vorplatz und die Treppenanlage in Hangrichtung betont die Grundidee des Entwurfes. Es wird eine unaufgeregte räumliche Dramaturgie von Nähe - zu den mit den gewerblichen Nutzungen aktivierten Vorplätzen - und Weite - den Blicken in die Landschaft geschaffen. Die gestalterische Ausformulierung der Brisgistrasse, ist jedoch nur schematisch dargestellt und genügt dem Anspruch als Hauptadresse und Zugangsweg in das Areal nicht. Auch der Durchgang zur platzartigen Ebene mit der sehr steilen Treppenanlage wird kritisch beurteilt, da unklar bleibt ob er als Element der Topografie oder als Teil der Bebauung verstanden werden will. Die Gestaltung des als Teil des Landschaftsraumes interpretierten Aussenraumes ist auf gut überlegte Elemente mit Aktivitäten konzentriert, welche die Qualitäten des Ortes bespielen und somit wahrnehmbar machen.
Konsequent aus der Grundidee entwickelt ist die Grundrisstypologie mit der nach Innen orientierten Erschliessung über Lauben. Diese sind als Begegnungszonen und mit Aufenthaltsbereichen konzipiert, bieten Raum für das gemeinschaftliche Leben und beleben den nachbarschaftlichen Binnenraum im Erdgeschoss zusätzlich.
Die Wohnungsgrundrisse sind als Abfolge von Einzelräumen ohne Korridorzonen konzipiert. Die Wohn-Essräume und Küchen sind teilweise als Grossraum, teilweise als separate Raumzonen ausgebildet, wodurch Wohnungen von sehr unterschiedlichem Charakter entstehen. Über eine Vielzahl von Öffnungen zu Zimmern und Nassräumen werden vielfältige Raum- und Sichtbeziehungen erzeugt. Diese sind räumlich spannungsvoll haben aber den Nachteil der Ringhörigkeit zur Folge.
Alle Wohnungen sind gut besonnt und mehrseitig ausgerichtet. Ein Mangel ist das Fehlen eines Wohnungseingangs mit Windfang oder Entrée, der als Übergang zwischen Gemeinschaft und Wohnung, zwischen Aussen- und Innenklima notwendig wäre. Insgesamt wird innerhalb einer einfachen Grundstruktur ein vielfältiges Wohnungsangebot mit differenzierten Qualitäten geschaffen, welches erlaubt, dass in direkter Nachbarschaft unterschiedliche Lebensweisen gelebt werden können.
Die Einstellhalle ist auf zwei Gebäudegruppen konzentriert und zu knapp dimensioniert. Dies zeigt sich in den zu engen Fahrgassen und den Parkplatzbreiten ohne Zuschlag für die Stützenbreite.
Die Materialität der Fassadengestaltung ist stimmig und fügt sich angenehm in den baumbestandenen Landschaftsraum ein. Das hybride Konstruktionssystem aus Massivbau und Holzelementbau ist plausibel dargelegt und bringt die notwendigen Vorteile, die zur Erreichung der ökologischen Zielsetzungen benötigt werden. Es handelt sich um ein wirtschaftlich optimiertes Projekt. Dies zeigt sich an den optimierten Steigzonen und Untergeschosse und insgesamt der guten Flächeneffizienz des Projektes. Die aufwändige Fassadenkonstruktion schmälert diesen Eindruck.
Das Projekt zeichnet sich durch eine gesamtheitliche Haltung gegenüber der Aufgabenstellung aus, welche stadträumliche, soziale und technische Aspekte in einen schlüssigen Zusammenhang bringt.Dies zeigt sich auch an den Vorschlägen zur Vernetzung und der städtebaulichen Einbindung über den Projektperimeter hinaus, wie auch im detaillierten Blick auf die qualitätsvollen Elemente des Freiraums.
Das Projekt überzeugt mit dem Statement des gemeinschaftlichen Wohnens, welches überzeugend ausgearbeitet ist und als Versprechen für die Aufwertung des gesamten Brisgiareals verstanden wird.
Lucus (2. Rang, Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten)
Die Verfassenden von Lucus orientieren sich nicht an den städtebaulichen Defiziten des Ortes, wünschen sich keine neue, erzwungene Urbanität, sondern generieren ihre Entwurfsidee aus den vorhandenen, ortspezifischen Qualitäten. Auf Grund einer sorgfältigen Analyse orten sie das Potenzial im Landschaftsraum mit seinem dicht bewaldeten Flussraum im Norden, der markanten Böschungskante im Süden und der Homogenität des Bodens, welche in dem Fall aus Wiesland besteht. Gleichzeitig ist die Insellage, durch die topographischen Verhältnisse und die trennenden Infrastrukturbauten von Bahn und Strasse bedingt herausragendes Merkmal. Diese Isoliertheit wird konsequent verstärkt, indem mit zusätzlichen Bäumen entlang der Böschung ein zentraler Raum freigespielt wird, welcher zur Waldlichtung wird. In diesen isolierten Raum wird ein zusammenhängender, grossmässstäblicher Gebäudekomplex gesetzt, welcher aus drei raumgreifenden Baukörpern gebildet wird. Mit nur vier Geschossen duckt er sich beinahe unter die raumwirksame Böschungskante und bildet mit seiner flächigen Haltung einen kompositorischen Kontrapunkt zu den markanten Hochbauten aus den Sechzigerjahren...
Mit einer sehr präzise gesetzten Grossform schaffen es die Verfasser auf faszinierende Art das Grundstück als landschaftsräumliche Einheit zu verstehen, in der die Bauten nicht eine Neuinterpretation des Areals bewirken, sondern eine Lesart des Bestands vor Augen führen, welche sämtlichen Wohnungen eine attraktive Lage im Landschaftsraum der Waldlichtung ermöglicht und gleichzeitig dem Hochhaus seinen adäquaten Aussenraum lässt.
Una cittadina vera (3. Rang, Oester Pfenninger Architekten)
Drei beinahe identische Gebäudegruppen, linear am Fusse des Hangs aufgereiht, bilden zusammen mit den beiden Bestandesbauten im Westen ein ruhiges Feld punktartiger Bauten, welches dem Brisgi-Hochhaus einen adäquaten Vordergrund verleiht. Die Topographie bleibt dabei weitgehend unangetastet und wo sie es gleichwohl ist, lässt sie ihren ursprünglichen Verlauf noch immer gut erahnen. Der Eintritt in die Anlage führt über die alte Brisgistrasse, welche sich linear mitten durch die neuen Gebäudecluster bis ans Westende des Perimeters fortsetzt. Die äusserst einfache Konzeption vermag eine solide Ausgangslage für guten und erschwinglichen Wohnungsbau zu schaffen. Mit einem ruhigen, aus der Gebäudestruktur abgeleiteten Gestaltungsprinzip wird ein vertrauter Ausdruck erzielt, der sich mit dem des Bestandes zu einem beinahe zeitlosen Gesamtbild paart. So sehr die Konzeption auch faszinieren mag, kommen gleichzeitig auch Zweifel auf. Es stellt sich vor allem die Frage, ob eine derartige geglückte räumliche Situation, die sich durch ein sorgsames Zusammenrücken dreier Häuser zur einem starken Ensemble mit Solitärcharakter entwickelt, sich ohne Weiteres dreimal wiederholen lässt und in der Folge diesem linearen Wegabschnitt dreimal das gleiche Raumerlebnis vermitteln soll? Im Weiteren ist das Hochhaus nur schlecht in die Wegführung eingebunden...
Mit dem Projekt una cittadina vera wird eine Konzeption geboten, die programmatisch das Einfache sucht; Die Terrainbewegungen bleiben moderat und die prismatischen Baukörper ohne Attikageschosse sind konstruktiv einfach zu bewältigen. Die Häusergruppen sind sehr schön und strahlen einzeln betrachtet etwas Einmaliges aus. Als lineare Sequenz mit Einbezug des Hochhauses überzeugen sie weniger.
Gärtnerkonstruktion (4. Rang, Schneider Studer Primas)
Es sind nicht die umliegenden klein- und grossmassstäblichen Siedlungsmuster, die dieses Projekt zu einer Konzeption inspirieren. Es ist vielmehr der Landschaftsraum, der dank seiner Einmaligkeit Stoff genug bietet, um daraus eine architektonische Idee abzuleiten.
Der Ansatz ist einfach und fasziniert sehr. Die gefasste Raumkammer wandelt sich zum durchwegten Landschaftsgarten, wo sich beinahe unmerklich Erdschollen zu Gebäuden erheben. So entstehen unter dem starken Diktat der Wegführung neun Baukörper, die die Schnittmenge dreier ovaler Eingriffsfelder mit dem Wegenetz darstellen. Alle neun Gebäude bewegen sich mit vier Vollgeschossen noch innerhalb der Regelbauweise...
Das Projekt überrascht mit einem sehr unkonventionellen Ansatz und schafft damit einen unmittelbaren Bezug zum Freiraum. Es bricht in vielen Teilen mit den gängigen Konventionen des Wohnungsbaus und schafft dabei auch Erstaunliches. Dennoch gelingt es ihm nicht eine Mehrheit zu überzeugen. Die Gründe liegen in den teilweise zu geringen Gebäudeabständen und letztlich auch in den hohen Erstellungskosten.
Text: Auszug aus dem Jurybericht